Der Müll des Jahrhunderts
Dass die Salzburger Festspiele kein ganz gewöhnliches Theaterfestival sind, war selten so deutlich wie in diesem Jahr. Die wichtigste Produktion im Schauspielprogramm, der «Jedermann» auf dem Domplatz, steht seit der Gründung der Festspiele vor mehr als 100 Jahren auf dem Spielplan. Die anachronistische Kuriosität wird inzwischen kaum noch ernsthaft in Frage gestellt, höchstens leise belächelt. Im Grunde ist allen klar, dass die Festspiele ohne «Jedermann» nicht denkbar sind; schon aus wirtschaftlichen Gründen kommt es gar nicht in Frage, ihn abzusetzen.
Mehr als 30.
000 Karten werden für den «Jedermann» jeden Sommer aufgelegt, die Vorstellungen sind Monate im Voraus ausverkauft. Für die Generalprobe gibt es ermäßigte Tickets, die via Internet angeboten werden; der Onlineverkauf dafür begann an einem Julitag um 9.30 Uhr morgens, um 9.31 Uhr rauchten die Server, und die Karten waren weg. Der «Jedermann» spielt so viel ein, dass damit das gesamte Schauspielprogramm der Festspiele finanziert wird und sogar noch etwas übrigbleibt, das in die Finanzierung der teuren Musiktheaterproduktion fließt. Für die Festspiele ist der «Jedermann» also mehr als Tradition und Folklore: Er ist auch als ...
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Theater heute Oktober 2024
Rubrik: Festivals, Seite 26
von Wolfgang Kralicek
MULTIPERSPEKTIVISCH erschien uns immer als ein schönes Antrags- und Programmheftwort. Ein Glasprisma, in dem sich das eintönige weiße Licht in all die bunten Farben des Regenbogens bricht. Bis uns auf einem multiperspektivischen Festival eine nationale Feministin aus dem Mädelring Thüringen begegnete. Spontane Reak -tion: alle Farben außer Braun! Dann kam eine...
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Ein irre lautes, explosionsartiges Wellen-Donnern, ein greller Blitz, der die Netzhaut flackern lässt: Die britische Singer-Songwriterin Anna Calvi entfesselt schon in ihrer Ouvertüre zu Robert Wilsons «Moby Dick» ein musikalisches Live-Inferno erster Güte. Während nichts als die gigantische Projektion eines aus grauen Wellen hervorschießenden Wals die Finsternis...
