Der Müll des Jahrhunderts

In ihrem ersten Jahr als Schauspielchefin der Salzburger Festspiele zeigte Marina Davydova Inszenierungen von Robert Carsen, Heiner Goebbels, Stefan Kaegi, Krystian Lupa, Thom Luz und Nicolas Stemann. Bei einem Lesemarathon wurde Sasha Marianna Salzmanns neues Stück «Danja, mein dementes Jahrhundert» präsentiert (der vollständige Stückabdruck liegt diesem Heft bei)

Theater heute - Logo

Dass die Salzburger Festspiele kein ganz gewöhnliches Theaterfestival sind, war selten so deutlich wie in diesem Jahr. Die wichtigste Produktion im Schauspielprogramm, der «Jedermann» auf dem Domplatz, steht seit der Gründung der Festspiele vor mehr als 100 Jahren auf dem Spielplan. Die anachronistische Kuriosität wird inzwischen kaum noch ernsthaft in Frage gestellt, höchstens leise belächelt. Im Grunde ist allen klar, dass die Festspiele ohne «Jedermann» nicht denkbar sind; schon aus wirtschaftlichen Gründen kommt es gar nicht in Frage, ihn abzusetzen.

Mehr als 30.

000 Karten werden für den «Jedermann» jeden Sommer aufgelegt, die Vorstellungen sind Monate im Voraus ausverkauft. Für die Generalprobe gibt es ermäßigte Tickets, die via Internet angeboten werden; der Onlineverkauf dafür begann an einem Julitag um 9.30 Uhr morgens, um 9.31 Uhr rauchten die Server, und die Karten waren weg. Der «Jedermann» spielt so viel ein, dass damit das gesamte Schauspielprogramm der Festspiele finanziert wird und sogar noch etwas übrigbleibt, das in die Finanzierung der teuren Musiktheaterproduktion fließt. Für die Festspiele ist der «Jedermann» also mehr als Tradition und Folklore: Er ist auch als ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2024
Rubrik: Festivals, Seite 26
von Wolfgang Kralicek

Weitere Beiträge
Wir lieben Brandenburg, Brandenburg liebt uns

MULTIPERSPEKTIVISCH erschien uns immer als ein schönes Antrags- und Programmheftwort. Ein Glasprisma, in dem sich das eintönige weiße Licht in all die bunten Farben des Regenbogens bricht. Bis uns auf einem multiperspektivischen Festival eine nationale Feministin aus dem Mädelring Thüringen begegnete. Spontane Reak -tion: alle Farben außer Braun! Dann kam eine...

Mother in Crime

Ein Windhauch weht durch die bunten Girlanden über der Freilichtbühne der Jenaer Kulturarena, während das siebenköpfige Ensemble vom Bühnenrand leise sein Good-bye singt. Und dann fängt es auch noch an zu regnen. Ein etwas kitschiger Abgang. Doch es wäre nicht das Jenaer Ensemble, wenn es so gehen würde. Also noch einmal anders: Good-bye in Krautrock-Manier. Es...

Scheitern, klassisch

Dumpf ist das Volk und feierwütig. Dass sich die deutsche Geselligkeit unter Alkoholeinfluss gerne mal in Polonaisen Bahn bricht und dabei «Fiesta Mexicana» grölt, ist allgemein bekannt. Im Unterholz einer Berliner Grünanlage wirkt die Exotisierung der Migration im Deutschen Schlager allerdings besonders grotesk – eine Art Running Gag zwischen religiöser Prozession...