Der andere Lehmann
Ein Winterabend im Jahr 2000. Lange nachdem in der Dantestraße im TFM-Institut (Theater-, Film- und Medienwissenschaft) der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität die letzten Mitarbeiter:innen nach Hause gegangen waren, leuchtete plötzlich ein Fenster hell auf. Wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, wie sich Menschen aus dem Dunkeln herausschälten, die miteinander tuschelten: «Hast du auch eine Einladung bekommen? Zum anderen Brecht?»
Neugierig stiegen wir durch das Treppenhaus und öffneten die Tür, unter der das Licht hervorkroch.
Und da saß er, Hans-Thies Lehmann, unser Professor und Mentor – und grinste uns an. Auf den Seminar -tischen: Zigarren, Whisky und Brechts «Lesebuch für Städtebewohner»: «Gehe in jedes Haus, wenn es regnet» – rezitierte er mit seiner klaren, warmen, humorvollen Stimme: «und setze dich auf jeden Stuhl, der da ist. / Aber bleibe nicht sitzen! Und vergiss deinen Hut nicht!» (Der Spur dieses Hutes müsste man mal folgen …) Nun aber lautete die Empfehlung: «Ich sage dir: / Verwisch die Spuren!» Rätselhafte Ratschläge: «Was immer du sagst, sag es nicht zweimal.» Oder: «Findest du deinen Gedanken bei einem andern: verleugne ihn.»
Was war davon zu ...
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Theater heute 10 2022
Rubrik: Postdramatisches Theater, Seite 38
von Alexander Karschnia, Nicola Nord (andcompany&co)
Mit Castorf und Einar Schleef waren im Sommer 1989 die beiden stärksten Vertreter des oppositionellen Theaters aus der DDR im Westen. Komplettierte sich das DDR-Exil? In dem Nebeneinander in Frankfurt und München sah man die Unterschiede. Schleef baute noch harte, thematisch klare Stücke, brauchte deutliche Konturen, klare Szenenfolgen, seine innovative Kraft...
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