Den performativen Widerspruch leben
Verzicht als Praxis setzt Besitz als Tatsache voraus. Falls es eine einzige Regel gibt, die grundsätzlich stimmt: Je mehr jemand besitzt, desto größer sein ökologischer Fußabdruck. Besitz an Wohneigentum heißt zum Beispiel, dass man ihn beheizen muss. Besitz an Netzwerken bedeutet, dass man sie pflegen muss – indem man reist, viel reist. Logisch betrachtet gibt es nur eine Lösung: den Besitz zu teilen, also zu verlieren.
Die Lehre, die deshalb das moderne Bürgertum aus dem Untergang des Ancien Régime gezogen hat – und aktuell das postmoderne Bürgertum aus dem heraufdämmernden Ende des fos -silen Kapitalismus: Besitze, kritisiere aber den Besitz! Bekämpfe weiterhin den Planeten, aber unter dem Doppeladler der Nachhaltigkeit und des Verzichts.
Als wir vor einigen Monaten gemeinsam mit der brasilianischen Landlosenbewegung die «Erklärung des 13. Mai gegen die ‹zertifizierte› und ‹nachhaltige› Zerstörung des Regenwalds» verfassten, sagte mir der indigene Philosoph Ailton Krenak einen denkwürdigen Satz: «Ich will kein Elektroauto, ich will gar kein Auto.» Biodiesel produziert, gemäß verschiedener Schätzungen, zwei- bis dreimal mehr CO2 als fossile Brennstoffe. Seit Soja und Palmöl im ...
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Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Verzicht, Seite 66
von Milo Rau
Begleitet wird er von Aron, einem jungen Mann, den die Universität ihm zur Seite stellt, und Geistern der Vergangenheit. Durch sie werden Oberflächen der Gegenwart durchlässig, entstehen Verbindungen zu tiefer liegenden kol -lektiven Erfahrungen und Gefühlen. Der vielstimmige Monolog verbindet deutsche Historie, Familiengeschichte und Alltagserlebnisse. Und er...
Selbstsicherheit klingt anders. «Liebe ich es nicht mehr oder liebe ich es zu sehr?», fragt Sivan Ben Yishai mit einem alten Roland-Barthes-Zitat im Untertitel ihrer «Bühnenbeschimpfung» und macht der moralischen Anstalt die Rechnung auf: die großen und kleinen Widersprüche zwischen den meist hehren Anliegen, die auf der Bühne verfochten werden, und den nicht immer...
Vieles fühlt sich für mich nicht wie «Verzicht» an, sondern eher wie eine Serie von Entscheidungen für ein stressfreieres und gesünderes Leben. «Verzicht» ist ein Wort, das vielen Menschen Angst macht. Die Diskussion um ein klimagerechteres Leben wird meist so geführt, als wäre unser Wohlstand und unser sorgenfreies Leben in Gefahr. Dabei verzichten wir schon heute...
