Den performativen Widerspruch leben
Verzicht als Praxis setzt Besitz als Tatsache voraus. Falls es eine einzige Regel gibt, die grundsätzlich stimmt: Je mehr jemand besitzt, desto größer sein ökologischer Fußabdruck. Besitz an Wohneigentum heißt zum Beispiel, dass man ihn beheizen muss. Besitz an Netzwerken bedeutet, dass man sie pflegen muss – indem man reist, viel reist. Logisch betrachtet gibt es nur eine Lösung: den Besitz zu teilen, also zu verlieren.
Die Lehre, die deshalb das moderne Bürgertum aus dem Untergang des Ancien Régime gezogen hat – und aktuell das postmoderne Bürgertum aus dem heraufdämmernden Ende des fos -silen Kapitalismus: Besitze, kritisiere aber den Besitz! Bekämpfe weiterhin den Planeten, aber unter dem Doppeladler der Nachhaltigkeit und des Verzichts.
Als wir vor einigen Monaten gemeinsam mit der brasilianischen Landlosenbewegung die «Erklärung des 13. Mai gegen die ‹zertifizierte› und ‹nachhaltige› Zerstörung des Regenwalds» verfassten, sagte mir der indigene Philosoph Ailton Krenak einen denkwürdigen Satz: «Ich will kein Elektroauto, ich will gar kein Auto.» Biodiesel produziert, gemäß verschiedener Schätzungen, zwei- bis dreimal mehr CO2 als fossile Brennstoffe. Seit Soja und Palmöl im ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Verzicht, Seite 66
von Milo Rau
Amit Jacobi
Wut, Schmerz und Gewalt
O you hochgeehrte beings der kontinentalen Intelligenz! Als Repräsentanten des sogenannten Körpers der sogenannten Nationaldichterin möchten wir uns erstmal bedanken! Thank you! Thank you für die Ehre, für die Anerkennung und ja, thank you für das Gold – we come in peace! Peace … Im Gegensatz zu dieser schönen Stunde der...
Oh nein – ich bin zu spät dran. Ich wollte diesen Text am Erdüberlastungstag 2023 schreiben. Am «Earth Overshoot Day», wie er so schön heißt. Dem Tag, an dem alle verfügbaren natürlichen Ressourcen für ein ganzes Jahr aufgebraucht sind. Letztes Jahr – so erinnerte ich mich – fiel er in Deutschland auf Ende Juli; dass er sich 2023 auf Anfang Mai vorverschoben hat,...
Theater heute In den letzten Jahren ist das Stadttheater als Institution stark in die Kritik, auch die Selbstkritik geraten. Es gab Vorwürfe des Machtmissbrauchs, es gab viel Kritik an Arbeitsbedingungen, an hierarchischen Strukturen, am Intendant:innen-Leitungsmodell überhaupt, zuletzt auch an der Praxis der Nichtverlängerung von künstlerischen Verträgen. Darüber...
