Das dritte Gesicht
«Nichts gehört uns – Unser ist allein die Zeit»
Senecas Satz aus seinen Epistulae morales auf der Traueranzeige der Familie für Günther Rühle ist von für ihn typischer Lakonik und zugleich die treffende Parole für ein unerschöpflich reiches, eine ganze Epoche nicht nur umfassendes, sondern auch überschreitendes Menschenleben.
Günther Rühle war auf souveräne Weise die Zeit eigen, er war ein Beherrscher der Zeit, hellwach beweglich im Geist und luzide präzis im Argument: Prospero und Luftgeist Ariel in einer Person zugleich, aus einem immensen historischen Wissen gebietend den Elementen, Wirrnissen, Irrtümern, Auf- und Umbrüchen unserer Zeit.
Die Legende sagt, Homer sei blind gewesen, die Legende fragt auch, ob die gewaltigen Epen «Odyssee» und «Ilias» überhaupt von einem einzigen Dichter geschrieben worden sein konnten. Die Wahrheit sagt, dass Günther Rühle sein ganzes Leben in all seinen Büchern, die sich zu einer universellen Theatersaga ausgeweitet haben, ein unbestechlich Sehender gewesen ist und dass die tatsächliche Blindheit seiner letzten Lebensmonate den Blick auf sein eigenes Leben geschärft hat.
Sein «merkwürdiges Tagebuch» mit dem unsentimentalen Titel «Ein alter Mann ...
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Theater heute Februar 2022
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Hermann Beil
Irgendwann setzte sich dann im Kreise der Berliner Bekannten die Redeweise durch: «Machen wir’s wie die Volksbühne?» Was ungefähr bedeuten sollte: Hauen wir nicht auf die Pauke, ducken wir uns weg, schlüpfen wir irgendwie durch. Nennen wir es «soft start». Das war nach dem dritten Monat, der auf einen viel zu stillen Sommer folgte, da man Premieren mit der Lupe...
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Sein größter Erfolg war «Totenfloß». Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl und einer Chemiekatastrophe bei Sandoz in Basel wurde es das Stück des Jahres 1986, bald von über zwei Dutzend Theatern gespielt. Vier körperlich und seelisch verkrüppelte Überlebende einer verstrahlten Landschaft, von der nur wenige bewohnbare Areale übrig geblieben sind, treiben auf...
