Das dritte Gesicht
«Nichts gehört uns – Unser ist allein die Zeit»
Senecas Satz aus seinen Epistulae morales auf der Traueranzeige der Familie für Günther Rühle ist von für ihn typischer Lakonik und zugleich die treffende Parole für ein unerschöpflich reiches, eine ganze Epoche nicht nur umfassendes, sondern auch überschreitendes Menschenleben.
Günther Rühle war auf souveräne Weise die Zeit eigen, er war ein Beherrscher der Zeit, hellwach beweglich im Geist und luzide präzis im Argument: Prospero und Luftgeist Ariel in einer Person zugleich, aus einem immensen historischen Wissen gebietend den Elementen, Wirrnissen, Irrtümern, Auf- und Umbrüchen unserer Zeit.
Die Legende sagt, Homer sei blind gewesen, die Legende fragt auch, ob die gewaltigen Epen «Odyssee» und «Ilias» überhaupt von einem einzigen Dichter geschrieben worden sein konnten. Die Wahrheit sagt, dass Günther Rühle sein ganzes Leben in all seinen Büchern, die sich zu einer universellen Theatersaga ausgeweitet haben, ein unbestechlich Sehender gewesen ist und dass die tatsächliche Blindheit seiner letzten Lebensmonate den Blick auf sein eigenes Leben geschärft hat.
Sein «merkwürdiges Tagebuch» mit dem unsentimentalen Titel «Ein alter Mann ...
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Theater heute Februar 2022
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Hermann Beil
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Juhu! Zwei Jahre lang kann sie, Franziska, das Leben eines Mannes führen. Das war ihr größter Wunsch, denn als Frau würde sie vor Langeweile verrückt. Danach, das ist der Deal, wird sie zur Leibeigenen, zur Sklavin jenes Zauberers und «Sternenlenkers». Nicht Mephisto, sondern Veit Kunz heißt dieser bei Frank Wedekind. Auf der Bühne des Bremer Theaters verwandelt...
Auch hier werden am Ende die Namen der Opfer des NSU- und nachfolgenden rechten Terrors aufgelistet über die Leinwand flimmern. Ähnlich war diese schändliche Dokumentation schon zu lesen, als das Nürnberger Staatstheater im legendären Saal 600 des Justizgebäudes, also am Original-Schauplatz der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, die Verfahren von 1945 als...
