Das Drama von Fortschritt und Wohlstand
Wir sind die Krankheit», röchelt die sterbende Priesterin gleich in der ersten Szene, nachdem sie vor Ödipus endgültig zusammengebrochen ist – und hat damit schon fast das ganze Stück verraten. Nur dass man/frau es zu diesem frühen Zeitpunkt natürlich noch nicht verstanden hat.
Sophokles’ «Ödipus» hat zu Pandemiezeiten ungewöhnliche Spielplan-Konjunktur erlebt.
Wirklich aus der Zeit gefallen war der Mythos zwar nie, aber eine Pest, die das Land heimsucht, eine ratlose Regierung, die nicht weiß, was tun, und diverse dunkle Seher-Sprüche, die ein frühes Verbrechen aufdecken, waren zu Corona-(Leugner-)Zeiten Wasser auf die Regiemühlen der Stadttheater. Thomas Köck, der Mythen allerdings grundsätzlich misstraut, weil er hinter ihren traditionsbetonierenden Weisheiten üble Herrschaftsmechanismen vermutet, hat anderes im Sinn. «forecast : ödipus» blickt eher in die Zukunft, und der jambisch leicht anrhythmisierte Wetterbericht verheißt nichts Gutes: «living on a damaged planet», so der Untertitel. (Der vollständige Stückabdruck liegt diesem Heft bei.)
Um das antike Drama gleich eingangs aus den geölten Angeln zu heben, kommt zum üblichen Personal noch Pythia hinzu, die Orakelverkünderin ...
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Theater heute Juli 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Franz Wille
DRESDEN, ALBERTINUM/ STÄDTISCHE GALERIE bis 13.8.,
«Ich halte doch nicht die Luft an.» Cornelia Schleime – frühe Werke / Cornelia Schleime «ich lass mich nicht spannen – lass mich nicht flechten»
Parallel stattfindende Ausstellungen zeigen Schleimes zwischen 1982 und 1984 produzierte experimentelle Super-8-Filme und ihre fotografisch festgehaltenen...
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Rage und Respekt – ganz deutsch geschrieben, das ist das Motto der diesjährigen Ruhrfestspiele Recklinghausen, wo man doch «rage and respect» als Rapper-Slogan besser kennt. Dort heißt es: Wut auf diejenigen, die einen nicht achten, oder: wütend Achtung einfordern. Der entflammte Zorn aber achtet gerade nicht das Gegenüber. Wut und Achtung hängen auf...
