Das Drama von Fortschritt und Wohlstand
Wir sind die Krankheit», röchelt die sterbende Priesterin gleich in der ersten Szene, nachdem sie vor Ödipus endgültig zusammengebrochen ist – und hat damit schon fast das ganze Stück verraten. Nur dass man/frau es zu diesem frühen Zeitpunkt natürlich noch nicht verstanden hat.
Sophokles’ «Ödipus» hat zu Pandemiezeiten ungewöhnliche Spielplan-Konjunktur erlebt.
Wirklich aus der Zeit gefallen war der Mythos zwar nie, aber eine Pest, die das Land heimsucht, eine ratlose Regierung, die nicht weiß, was tun, und diverse dunkle Seher-Sprüche, die ein frühes Verbrechen aufdecken, waren zu Corona-(Leugner-)Zeiten Wasser auf die Regiemühlen der Stadttheater. Thomas Köck, der Mythen allerdings grundsätzlich misstraut, weil er hinter ihren traditionsbetonierenden Weisheiten üble Herrschaftsmechanismen vermutet, hat anderes im Sinn. «forecast : ödipus» blickt eher in die Zukunft, und der jambisch leicht anrhythmisierte Wetterbericht verheißt nichts Gutes: «living on a damaged planet», so der Untertitel. (Der vollständige Stückabdruck liegt diesem Heft bei.)
Um das antike Drama gleich eingangs aus den geölten Angeln zu heben, kommt zum üblichen Personal noch Pythia hinzu, die Orakelverkünderin ...
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Theater heute Juli 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Franz Wille
Rot oder grün? Farblich aufgeteilt hat Lucia Bihler ihre Inszenierung von Euripides’ unglückseligen «Troerinnen», die von den Griechen versklavt, vergewaltigt, ihrer Kinder beraubt werden. Aufkleber schicken das Publikum in verschiedene Zeiten: Die rote Gruppe landet im Saal unter Kopfhörern, bei Kassandra (Alina Heine), die, kurz vor ihrem Tod, in die Zukunft...
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Darauf muss man erst mal kommen: Die Penthesileas von heute, das könnten doch die Kardashians sein! Eine steile These, aber eine, die auch einiges für sich hat, wie Mateja Meded und Thomas Köck in ihrem Stück «Keeping up with the Penthesileas» zeigen. Am Theater Neumarkt in Zürich haben sie es gemeinsam auf die Bühne gebracht; dort schlüpft Mateja Meded gleich...
