Cry me a river
Magdalena Schrefel hat in ihrem neuen Schauspiel einen ganz und gar sonderbaren Ort erfunden: eine rätselhafte Institution, in der das vielleicht Flüchtigste überhaupt aufbewahrt, katalogisiert, beschlagwortet und in eine konsistente Ordnung gebracht werden soll – ein Archiv der Tränen. Einem ersten Impuls folgend möchte man wohl von einer gleich doppelten Unmöglichkeit eines solchen Tränenarchivs sprechen, denn sowohl in Quantität als auch Qualität scheinen Tränen ein durch und durch unmögliches Archivale, ein unmöglich zu archivierendes Objekt zu sein.
Unermesslich in der Zahl und flüchtig in ihrer Form finden sie sich gerade nicht in Nachlässen, Konvoluten, Aktenbeständen, nicht auf Dachböden oder von Archäolog: -innen nach Jahrhunderten ausgegraben. Sie werden geweint und verschwinden, bleiben nicht zurück als Spur erlebter Erfahrung oder vergangener Zeit.
Doch genau dieser Unmöglichkeit hat sich Schrefels Tränenarchiv verschrieben. Denn das Unmögliche ist hier möglich, an diesem Ort in einer nicht näher bestimmten Stadt, der wie aus der Zeit gefallen wirkt. Hier gibt es noch Karteikästen und Zettelkataloge, das Telefon ist kabelgebunden, und hin und wieder springt ratternd ...
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Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Neue Stücke, Seite 160
von Ewald Palmetshofer
Endlich ist sie vorbei, die Zeit, in der Frauen «schön schöpfend und in der Erschöpfung schön» sein müssen. Martina Clavadetscher, die für ihren Roman «Die Erfindung des Ungehorsams» mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde, entwirft in ihrem zweiteiligen Auftragswerk für das Schauspiel Bern «Bestien, wir Bestien» eine Welt in der Zukunft, in der Frauen...
Fühlst du dich gerade schuldig … Wer ist eigentlich dafür verantwortlich, die Fragen nach Machtmissbrauch, mangelnder Geschlechtergerechtigkeit, strukturellem Rassismus, problematischen Leitungsstrukturen, schwierigen Arbeitsbedingungen, unfairem Gagensystem und mangelnder Diversität im deutschen Stadttheatersystem zu beantworten … Wer soll so etwas überhaupt...
Wie gelangen wir sicher ins Innere? Und wieder hinaus, ohne den Halt zu verlieren?», fragt sich gleich zu Beginn von Kevin Rittbergers neuem Stück «Wir sind nach dem Sturm» der Bergrat Wilhelm August Julius Albert. Die Rede ist vom Vordringen in die Erde, die doch so viele Schätze unter ihrer harten Kruste verbirgt, die scheinbar gehoben sein wollen. Gleichzeitig...
