Cry me a river
Magdalena Schrefel hat in ihrem neuen Schauspiel einen ganz und gar sonderbaren Ort erfunden: eine rätselhafte Institution, in der das vielleicht Flüchtigste überhaupt aufbewahrt, katalogisiert, beschlagwortet und in eine konsistente Ordnung gebracht werden soll – ein Archiv der Tränen. Einem ersten Impuls folgend möchte man wohl von einer gleich doppelten Unmöglichkeit eines solchen Tränenarchivs sprechen, denn sowohl in Quantität als auch Qualität scheinen Tränen ein durch und durch unmögliches Archivale, ein unmöglich zu archivierendes Objekt zu sein.
Unermesslich in der Zahl und flüchtig in ihrer Form finden sie sich gerade nicht in Nachlässen, Konvoluten, Aktenbeständen, nicht auf Dachböden oder von Archäolog: -innen nach Jahrhunderten ausgegraben. Sie werden geweint und verschwinden, bleiben nicht zurück als Spur erlebter Erfahrung oder vergangener Zeit.
Doch genau dieser Unmöglichkeit hat sich Schrefels Tränenarchiv verschrieben. Denn das Unmögliche ist hier möglich, an diesem Ort in einer nicht näher bestimmten Stadt, der wie aus der Zeit gefallen wirkt. Hier gibt es noch Karteikästen und Zettelkataloge, das Telefon ist kabelgebunden, und hin und wieder springt ratternd ...
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Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Neue Stücke, Seite 160
von Ewald Palmetshofer
1
Es gibt keine Gedichte über Krieg. Es gibt nur Zersetzung, heißt es bei der Dichterin Lyuba Yakimchuk. Also zerlegt sie die Wörter: Lu-hansk; Do-nezk; und zum Schluss des Gedichts ihren eigenen Namen: Nicht mehr Lyuba steht dort, sondern nur noch «ba!». Wobei die Formulierung «zerlegt sie» falsch ist, denn die Wörter, die Orte, die Menschen sind bereits zerlegt,...
Mein 20-jähriges Ich schreibt in einer Bewerbung an die Studienstiftung des deutschen Volkes: «Ich hoffe, dass Theater politisch und gesellschaftlich wirken kann, weiß es aber nicht. Es geht nicht um eine perfekte Einzelleistung, sondern um das große Ganze, um das gemeinsame Ringen um Wahrheit. Dieses unendliche Bedürfnis, gemeinsam Grenzen zu verschieben.»
Desweg...
I wanted a mission and for my sins they gave me one.» Das ist eines der beiden Zitate, die das Autor:innenduo Sokola/Spreter ihrem Stück «Farn Farn Away» vorangestellt hat. Wie Captain Willard aus «Apocalypse Now» haben die beiden Frauen Maura und Ich den Auftrag, sich in eine unwirtliche, nach-katastrophische Urwaldgegend weitab der Zivilisation zu begeben, um...
