Foto: Iko Freese
Carl Hegemann: Das Recht auf Flucht
Eben mal zwischen Volksbühnenabwicklung, Dernierenmarathon, dem großen Abschiedsfest auf der Rosa-Luxemburg-Straße und der letzten Gastspielreise nach Avignon den idealen Staat entwerfen? Für «Theater heute»? Auf nicht mehr als zwei bis drei Manuskriptblatt? Kein Problem: Dem Dramaturg in seiner berufsbedingten Vermessenheit ist nichts zu schwer, und diese Aufgabe gehört bei der Vielfalt seiner Tätigkeiten vielleicht noch zu den leichteren.
Den idealen Staat gibt es nämlich schon. Man findet ihn im Bienenstock oder im Ameisenhaufen.
Da läuft’s doch. Alles ist perfekt geregelt und greift ineinander wie in einer gut geölten Maschine. Und alle menschlichen Entwürfe eines idealen Staats laufen auf eine solche maschinelle Konstruktion heraus. Friedrich Hölderlin, der nebenbei auch ein tiefschürfender Staatstheoretiker war, behauptete allerdings, dass man von einer Maschine keine Idee haben kann und vom Staat also genauso wenig. «Denn nur, was Gegenstand der Freiheit ist, heißt Idee», schreibt er mit Hegel im «ältesten Systemprogramm». Und Maschinen, die sich ja grundsätzlich durch Berechenbarkeit definieren und zuverlässige Erwartbarkeiten produzieren, schließen genau deshalb jede ...
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Theater heute Jahrbuch 2017
Rubrik: Der ideale Staat, Seite 52
von Carl Hegemann
Kann es ein ideales Staatswesen geben, in dem alle Menschen frei und gleich sind? In «Utopia» entwarf Staatsmann und Humanist Thomas Morus 1516 eine ideale Gemeinschaft. Morus beschreibt in diesem prägenden Werk «De optimo statu rei publicae deque nova insula Utopia» («Von der besten Verfassung des Staates und von der neuen Insel Utopia») ein erfundenes Inselreich...
Utopische Praxis liegt dem Theater (und vielen anderen, insbesondere kollektiven künstlerischen Prozessen) sicher näher als die Ausformulierung philosophischer und staatstheoretischer Konzepte. Wir sind keine Künstleraristokratien oder Philosophenstaaten, sondern Staats-, Stadt- und Welt-Labore, in denen einerseits alle Gegensätze und Pole ungebremst aufeinander...
Das große Übel unserer Zeit sind sich radikalisierende religiöse Fanatiker aller Konfessionen. Da könnte ich jetzt einige Namen nennen, mach ich aber nicht, sonst werd ich ja gleich wieder verklagt, also versuche ich es mal anders: Der ideale Staat kennt eine strikte Trennung von Staat und Religion. Keine Religion wird einer anderen Religion über- oder...
