Applaus für die Schöpfung

Am Berliner Ensemble geht Ersan Mondtag mit Thomas Köcks «wagner – der ring der nibelungen» in die Küche; und das Deutsche Theater greift den Autor*innentheatertagen mit Chris Michalskis «When there’s nothing left to burn» und Nele Stuhlers «Gaia googelt nicht» voraus

Theater heute - Logo

Die Küche ist out of proportion. Kühlschrank gut drei Meter hoch, Herdplatten auf eins siebzig, und wer sich hier auf den Küchenstuhl setzen will, muss klettern oder springen. Doch es ist nicht nur die Übergröße, die Ersan Mondtags Ensemble verzwergt und seine Küchenbühne so unheimlich macht: Da ist, geradeaus über den Einbauschränken, ein schwer vergittertes Fenster hinaus in einen endlosen, videoanimierbaren Flur. Da gleißt, wenn links der begehbare Kühlschrank der Firma Sieg (!) offen steht, ein kalt lockendes Weißlicht auf die Schachbrettfliesen.

Und gegenüber hängt unterm Kruzifix eine schwere Eisentür in der Wand, als loderten dahinter die Krematorien von Auschwitz. 

Die Küche ist schon die zweite Ableitung einer Mythenverpflanzung, die zunächst Autor Thomas Köck vorgenommen hat: Seine Version oder vielmehr Destruktion – wie der durchgestrichene Titel «wagner – der ring des nibelungen (a piece like fresh chopped eschenwood)» nahe legt – des deutschen Nibelungen-Mythos spielt nämlich in der Psychiatrie. Dort stehlen Oberarzt Wotan und Klinikmanager Hagen den Ring, um die Riesen Fafner und Fasolt zu bezahlen, während Siegfried eine brutale «Heilung» droht: Ihm sollen die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 13
von Eva Behrendt

Weitere Beiträge
Vergessene Stimmen

Fast schien es, die Münchner Kammerspiele wären nach dem langen Lockdown ganz in ihren vielen sozialpolitischen Engagements auf den verschiedenen Plattformen und Kanälen aufgegangen und als Theater von der Bildfläche verschwunden, da sind sie plötzlich doch wieder da, auf der Bühne, mit zwei sperrig glitzernden Projekten, die zwar auch ganz im Sinne der...

Wer stattfindet, hat gewonnen!

Es ist ein Fake, der Unterdrückungsgeschichte gemacht hat: das Hymen, auch «Jungfernhäutchen». Teresa Vittucci, gehüllt in einen neonorange leuchtenden Hauch von Nichts, widmet der lügenumwobenen vaginalen Korona eine schlagfertige Tanz- und Lecture-Performance: «Hate me, tender. Solo for Future Feminism» ist eine von nur drei Produktionen innerhalb des...

Festival 1: Double Feature

Neun Tage Festival, ein Dutzend Hochschulen, 23 Produktionen: «So viel junges Theater gab es beim Körber Studio noch nie», beschreibt Thalia-Intendant Joachim Lux die Ausgabe des diesjährigen Festivals «Körber Studio Junge Regie». Was euphemistisch nach Rekorden klingt, ist natürlich eine bittere Folge der Pandemie-bedingten Theaterschließungen. Entsprechend musste...