Die Geisterbahn. Beginn einer Erzählung

Was machen Autor*innen in der Corona-Pause? Arbeiten natürlich, weiterdenken. Auch wenn die Theater im Lockdown waren und die Uraufführungen Pause machen mussten, geht das Schreiben weiter: ein erster Blick in die Werkstatt noch unfertiger Texte und Projekte. 1.: Clemens J. Setz

Im Nachhinein erscheint es mir seltsam, ja vielleicht sogar verlogen, dass ich selbst nie mit der Geisterbahn gefahren bin. Sie wurde 1998, dem Jahr meiner Matura, in unserem Hinterhof errichtet, der auf allen Seiten von fünf- bis sechsstöckigen Mietshäusern umstanden wird. Ich weiß noch, wie meine Mutter sich über den Lärm der Baumaschinen beklagte. Wochenlang ging das so, jeden Morgen ab sieben. Wenn der Wind ungünstig zwischen den Häusern der Nachbarschaft durchging, staubte es uns die Fenster ein.

Der Anblick der Baumaschinen war ein gewisser Trost, denn sie waren ausgesprochen hübsch. Es gab Giraffe, Echse, Froschmaul. Einmal wuchs über Nacht sogar ein Miniaturkran, wie eine Blume, und verrichtete seine Arbeit fast lautlos. Ich glaube, wenn man sich nur genug Mühe gäbe, könnte man alle Baumaschinenformen der Welt als Sternbilder im Himmel verzeichnen. 

Die ersten Flyer erschienen Ende Juli im Haus. Der Sommer war da schon sehr groß, es gab Grillfeste in den Nachbargärten, und auf den Balkonen standen die Windrädchen erstarrt in der Hitze. Fliegen krabbelten aufgrund der erhöhten Erdanziehung den ganzen Tag über die Zimmerböden, genau an jenen Stellen, wo früher die Teller mit ...

CLEMENS J. SETZ, geboren 1982 in Graz, veröffentlichte bereits während seines Lehramtsstudiums in Germanistik und Mathematik literarische Texte und Übersetzungen. Außerdem schreibt er Theaterstücke, darunter «Vereinte Nationen» (2017), «Die Abweichungen» (2018) und «Flüstern in stehenden Zügen» (2020).

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2021
Rubrik: Schreibwerkstatt, Seite 30
von Clemens Setz

Weitere Beiträge
Im Zweifel für den Zweifel

Was die Kunst, was das Theater kann und soll – die Fragen scheinen nach der Pandemie einerseits beantwortet: den Blick weiten, uns unserem Alltag und seinen immergleichen Problemen entreißen, um uns mit den Fragen anderer Menschen konfrontieren, mit ihrem Wünschen und ihrem Begehren, nachdrücklich, ästhetisch herausfordernd. In einem festgelegten Zeitraum, den ich...

Der Schlaf der Vernunft

Und es ward Nacht. Siebeneinhalb Stunden lang. So wollte es Sebastian Hartmann. Am Staatsschauspiel Dresden hat er mit «Das Buch der Unruhe» so etwas wie den ultimativen Live-Stream aufgelegt. Lange Inszenierungen sind ja nichts Neues im deutschen Theater selbst in seiner digitalen Variante, man denke nur an das letzte Theatertreffen, wo gleich zwei dieser...

Vergessene Stimmen

Fast schien es, die Münchner Kammerspiele wären nach dem langen Lockdown ganz in ihren vielen sozialpolitischen Engagements auf den verschiedenen Plattformen und Kanälen aufgegangen und als Theater von der Bildfläche verschwunden, da sind sie plötzlich doch wieder da, auf der Bühne, mit zwei sperrig glitzernden Projekten, die zwar auch ganz im Sinne der...