An der Wand
An was ich mich an meisten erinnere, wenn wir «Onkel Wanja» spielen, das sind die Wiederaufnahmeproben vor genau einem Jahr im Haus der Berliner Festspiele. Über ein halbes Jahr hatten wir das Stück nicht gespielt, Gosch hatte gerade «Die Möwe» herausgebracht, und sein Gesundheitszustand war deutlich schlechter geworden. Mein Respekt, wieder vor seinen Augen zu probieren und vor ihm zu spielen, war enorm. So sehr war ich dann doch nicht in seiner Welt, dachte ich, und meine Anspannung vor diesen zwei Tagen war groß.
Die Probe begann, und Gosch griff sofort ein, ihn beschäftigte einzig der Auftrittsbeginn, fünfundzwanzigmal ließ er uns herauskommen, er suchte danach, den Beginn des Spiels so weit nach vorne zu schieben, dass gar nichts mehr nach Beginn aussah; alles sollte schon im Fluss sein, sollte schon da sein, alles war ihm zu spät. Eine große Ungeduld stieg von ihm auf, sofort war die Aufführung von ihm selber attackiert. Er forderte mehr Unzufriedenheit, gröbere Mittel, mehr Beschwerde, mehr ohne Anfang, mehr ohne Ende. Ich war gebannt von diesem Zugriff, und dennoch erschien ich mir fremd in diesem Kontext, Goschs Aura einerseits und diese neue Suche andererseits konnte ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Er hatte sich mal wieder gründlich und vermutlich genussvoll im Ton vergriffen, Berlins Lieblings-Buhmann. Als Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin im Oktoberheft von «Lettre international» Berlin eine düstere Zukunft prognostizierte, wenn die Stadt sich nicht schnell und rabiat der Integrationsprobleme insbesondere türkischer und arabischer Zuwanderer annehme, hatte...
Wer sich selbst schon einmal in Erwartung eines nahenden Regionalexpress-Zugs (so heißt die mit Abstand langsamste Beförderungstechnik der Bundesbahn) durch sämtliche Menus eines DB-Fahrautomaten geklickt hat, nur um kurz vor dem ersehnten Fahrschein mit einem scheinheiligen Systemabbruch belohnt zu werden («Der Vorgang wurde auf ihren Wunsch abgebrochen»), der...
Der Meister lud zur Bauprobe – ein Vorgang, bei dem Schauspieler kaum vonnöten sind; es geht um technische Dinge, Sichtlinien und dergleichen, ein erstes Kennenlernen der baulichen Begebenheiten eines Bühnenbildes. Doch diesmal war alles anders, und so sollte es den gesamten Produktionsprozess über bleiben.
An der Brandmauer, ganz hinten in diesem riesigen...
