An den Grenzen der Kultur
Die zweitstärkste Szene dieser belgisch-deutsch-irakischen Rumpf-«Orestie» ist nur auf Video zu sehen: Der legendäre, weil Demokratie- und Rechtsstaat begründende Schluss von Aischylos’ Trilogie sieht für das Ende der ewigen Gewalt einen recht knappen Ausgang vor. Bei der Abstimmung, ob Orest für den Rachemord an seiner Mutter Klytaimnestra verfolgt oder begnadigt werden soll, steht es unentschieden. Erst die Stimme der Göttin Athene gibt den Ausschlag für den Freispruch.
Genau so ist es auch auf dem Video mit irakischen Schauspielschülern in Mossul zu sehen: vier dafür, vier dagegen. Doch dann fragt die Darstellerin von Athene noch mal privat nach. Soll man gefangene IS-Mitglieder, die jahrelang die Stadt terrorisiert, wahllos Menschen ermordet und Frauen verschleppt haben, zum Tod verurteilen oder ihnen vergeben? Und die jungen Iraker, von denen einige noch vor Kurzem auf Tod plädiert hatten, stimmen nun, am Ende der Proben, einstimmig dagegen. Vergeben wollen sie aber auch nicht. Klingt alles sehr nach einem ordentlichen Strafprozess und längeren Gefängnisstrafen.
Offenbar hat Milo Raus «Orest in Mossul»-Inszenierung, die den Stoff der Orestie in die von Bürgerkrieg und ...
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Theater heute Juli 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Franz Wille
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