Am Beispiel der Mutter
Die sogenannte «Vorklinik» im Grazer Univiertel ist ein Geisterhaus. Das Gebäude aus dem Jahr 1976, das Teil der medizinischen Fakultät war, wird demnächst abgerissen. Zuvor aber kam noch einmal Leben in die verlassenen Räumlichkeiten: Im Rahmen des Dramatiker:innenfestivals, das vom Grazer Schauspielhaus und dem Verein Drama Forum alljährlich veranstaltet wird, fand hier Ende Juni das «Haus der Texte» statt.
Im Verlauf der insgesamt drei Stunden langen «Drama Walks» (Gesamtleitung Sandra Schüddekopf ) wurden in einem großen Hörsaal und in kleinen Nischen, in der Mensa und am Gang, live oder per VR-Brille Szenen aus den zehn Stücken gespielt, die für den diesjährigen Retzhofer Dramapreis nominiert sind.
Das Stationentheater in der Vorklinik war aber nur die Spitze des Eisbergs. Denn der seit 20 Jahren vergebene Retzhofer Dramapreis hat mehr Tiefgang als vergleichbare Veranstaltungen. Die von Edith Draxl erfundene Kombination aus Stückewerkstatt und Autor:innenpreis ist auf ihre Art einzigartig. Zunächst einmal sind keine fertigen Stücke ausgeschrieben, sondern Exposés und zwei ausgeschriebene Szenen; aus den Einreichungen werden zwölf nominiert. (Diesmal gab es 123 Einreichungen, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August-September 2023
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Wolfgang Kralicek
Thees Uhlmanns 2015 erschienener Roman «Sophia, der Tod und ich» schrie mit seinen zugespitzten Dialogen geradezu nach einer Umsetzung auf Bühne und Leinwand. Die Theater begriffen das schnell. Das Schauspiel Essen war 2017 als erstes am Start (und eine Publikumsumfrage über die beliebtesten Stücke der letzten 20 Jahre wählte das Stück in die Top Ten), das...
Nach den Vorwürfen gegen Till Lindemann, den Sänger der Band Rammstein, wird niemand auf die Idee kommen, die nun mindestens des Machtmissbrauchs gegenüber jungen Frauen verdächtige Praxis des Rockstars sei ein gutes Zeichen, um es musi -kalisch auf die Bühne zu holen. Vorerst kein Rammstein mehr als akustisches Kokain aus den Theaterlautsprechern. Denn die Musik...
Wenn ich auf der Bühne noch eine weitere junge Frau mit blonder Langhaarperücke, Glitzerjacke, Hot-Pants und Plateaupumps sehe, das Abziehbild einer Sexarbeiterin, muss ich schreien», schreibt die Theaterkritikerin Dorothea Marcus. «Und ja, dies hat nicht nur mit Feminismus, sondern auch mit ‹Ageism›, also: Altersdiskriminierung zu tun. Denn sobald die ständige...
