Adaption und Harvarie
Zwei unterschiedlichere Stoffe und Herangehensweisen sind kaum vorstellbar. Hier die Geschichte der Sibel Kekilli, die mit «Gegen die Wand» zur Schauspielerin und in Fatih Akins Kino der großen Gefühle zu einer Ikone für alle Deutsch-Türkinnen wurde, für die ein Aus-
brechen aus dem familiären Feld der Ehre bittere Folgen haben kann. Und dort Nis-Momme Stockmanns «Expedition und Psychiatrie», ein Textkonvolut von mehr als hundert Seiten, das definitiv keine Vorlage für großes Kino sein will, sondern vom Ende des Theaters und der Hoffnungslosigkeit allen Sagens kündet.
Beides gab es jetzt in Heidelberg: Das Theater zum Melodram im Theaterkino, einer Ausweichspielstätte; und die Uraufführung des Textes eines Autors, der dann auch noch sein eigener Regisseur war, im Zwinger 1, der letzten verbliebenen Schauspielstätte des im Umbau befindlichen Heidelberger Theaters.
Ausweichen und Umbau könnten auch die Stichworte für «Expedition und Psychiatrie» sein. Nis-Momme Stockmann hatte in den letzten zwei Jahren Erfolg mit Stücken, die den
Gesetzen eine traditionellen Rollendramaturgie folgen. In seinem neuen Theatertext allerdings baut er sich nun als Theaterautor um und liefert einen ...
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Theater heute April 2011
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Jürgen Berger
Matthias Lilienthal, 1992–1999 Chefdramaturg an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz unter Frank Castorf, Programmdirektor für «Theater der Welt 2002» in Bonn, Düsseldorf, Köln und Duisburg. Seit September 2003 ist er künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des HAU. Das Regiekollektiv Rimini Protokoll zeigt und erarbeitet kontinuierlich Produktionen am HAU...
Ungefähr 15.000 Zeichen soll dieser Text lang werden. Nicht gerade wenig für das Porträt eines Nachwuchsdramatikers, naturgemäß aber viel zu wenig, um die ganze, komplexe Welt zu fassen zu kriegen. Und auch viel zu wenig für Wolfram Lotz. Denn wenn es nach und um Lotz geht, müsste man eigentlich Indianisch sprechen oder eine andere Sprache, die keiner versteht. So...
Natürlich könnte man jederzeit die Sinnfrage stellen: Wer braucht eine vierstündige
Dramatisierung von Falladas Wirtschaftskrisen-Panorama «Bauern, Bonzen und Bomben», wenn man in dieser Zeit schon 200 bis 300 Romanseiten lesen könnte? Wozu eine Bühnenbearbeitung dieses deutschen 30er Jahre Kleinstadt-Polit-Biotops, wenn sie doch nur ohne weitere Deutungsabsicht...
