10 Uhr: Liegen bleiben
Der radikale Shutdown ist vorüber, die Lockerungen nehmen zu, wir dürfen wieder Kneipen und Cafés besuchen. Von Fernreisen und dem Feiern großer Partys wird dennoch abgeraten. Viele leiden unter dem eingeschränkten Bewegungsradius, aber viele fragen sich auch, ob man nicht irgendeine Einsicht aus dem Shutdown mitnehmen könne, die Krise gar etwas pädagogisch Wertvolles habe. Ob zum Beispiel die Freiheit, jederzeit überallhin reisen zu dürfen, angesichts der ökologischen Lage überhaupt erhaltenswert sei.
Denn plötzlich nehmen wir wahr, dass die Welt auch im Energiespar-Modus noch ganz gut funktioniert, zumindest für uns Privilegierte, die nicht am Existenzminimum ums Überleben kämpfen.
Einen überraschend aktuellen Kommentar zu diesen Überlegungen bietet ein hundert Jahre alter Klassiker, «Das Buch der Unruhe» von Fernando Pessoa. Das umfangreiche, aber handlungsarme Werk besteht aus den Reflexionen des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, der sich so seine Gedanken macht über die menschliche Existenz. Er sitzt tagaus, tagein in seinem Büro in der Rua dos Douradores in Lissabon und zelebriert die Kunst des Raushaltens. Formal ist dieser Roman irgendwo zwischen Tagebuch und ...
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Theater heute August/September 2020
Rubrik: Lektüresommer, Seite 50
von Rebekka Kricheldorf
Für Maya Stein
Wie Musik, wie Geschmäcker, wie Gerüche: Bücher sind Bookmarks. Einem Buch wiederzubegegnen, bedeutet vor allem, der Leserin wiederzubegegnen, die man einmal war. Ich bin immer noch erstaunt über die 15 Jahre alte Sivan, die enthusiastisch mit J.D. Salinger mitgeht, zum Beispiel. Sie ist empathisch mit der Abscheu seiner Protagonisten vor ihren...
«IST DEIN HERUNFTSLAND SICHER?
Nach welche Kriterien?»
Für viele Künstler*innen ist Rassismus nicht erst Thema, seitdem George Floyd umgebracht wurde. Rassismus beginnt nicht bei einem weißen Polizisten, der sein Knie 8 Minuten und 46 Sekunden in den Hals eines Schwarzen Familienvaters drückt, und Rassismus endet da auch nicht. Dazu gibt es viele wichtige...
Es ist ja eigentlich eine recht offensichtliche Tatsache, dass das kapitalistische System mit autonomen Heilerinnen, Magierinnen und Hexen ein Problem hat. Dazu reicht eine kurze (etwas zugespitzte, sorry – not sorry) statistische Hypothese: Statistisch betrachtet arbeiten nämlich vor allem heillos unterbezahlte Frauen in den frisch entdeckten relevanten...
