Zwiespältige Zeugenschaft

Ulrich Rasche vervielfacht am Schauspiel Dresden Agota Kristofs überlebensgestählte Zwillinge auf zwei Drehscheiben: «Das große Heft»

Übertriebene Sentimentalität kann man der Großmutter, bei der die Zwillinge aus Agota Kristofs Roman «Das große Heft» die Kriegsjahre überdauern, wahrlich nicht vorwerfen. Die Alte – im Ort schlicht «die Hexe» genannt – pflegt grausame Lebenseinsichten grundsätzlich unter genüssli­chem Hohngelächter zu äußern, je nach Anlass gern auch mit begleitendem Schenkelklopfen.

Dass sie zudem als pragmatisch-schamfreie Stehpinklerin alternativ zum Toilettengang potenziell einfach überall ihre schmutzigen Röcke hebt, die Enkel standardmäßig als «Hundesöhne» anspricht, sie wahlweise mit dem Besen oder nassen Lappen schlägt und jedes Care-Paket, das ihnen die Mutter schickt, kurzerhand auf dem Schwarzmarkt veräußert, bevor die Kinder der Gaben überhaupt ansichtig werden, rundet das finstere Bild ab.

Logisch, dass in dieser Konstellation, die die brutale Kriegsrealität quasi in der kleinsten verwandtschaftlichen Gesellschaftskeimzelle verdichtet, aus den minderjährigen Hemd- und Lackschuhträgern bald lumpig-abgeklärte Überlebenskämpfer werden. Ursprünglich von ihrer Mutter nur deshalb bei der empathiefreien Alten im ländlichen Ambiente abgeliefert, weil sich zu Hause, in der dauerbombardierten ...

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Theater heute April 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Christine Wahl