Zwei Enden der Geschichte
Als die Blendscheinwerfer verlöschen und der Nebel sich lichtet, schaut das Publikum ins Paradies. Der Schöpfer ist wohl eben ausgetreten, die Schaukel schwingt noch, aber leer. Auf den zweiten Blick erkennt man, wie künstlich das Paradies beschaffen ist. Schilf sprießt am Pool, rechts duckt sich eine Palme, Farn wedelt, Blumen recken die Köpfe nach ihrem Floristen. Kein Zweifel, hier hat ein Bühnenzauberer Natur gesampelt.
Eine dunkle Streicherwelle flutet das Gehör – Brahms, «Ein deutsches Requiem», Überwältigungsmusik, der Chor schwelgt in Vergänglichkeit von Herrlichkeit, «denn alles Fleisch, es ist wie Gras» – und dann plumpsen sie ins Bild. Vier Menschlein. Und staunen und starren und wissen nicht, was anfangen mit dieser Pracht.
Vom systematischen Zerfall einer Gesellschaft zu erzählen und die eigene städtische Community zumindest mitzumeinen, gehört zum Standardrepertoire deutschsprachiger Schauspielplaner. Aber selten genug dehnt ein mittelgroßes, von bürgerlicher Kulturbehaglichkeit durchaus zehrendes Stadttheater dabei die Grenzen des Publikumswirksamen so kühn und so gekonnt aus wie in Bern, wo Regisseur Ersan Mondtag mit der Autorin Olga Bach «Die Vernichtung» eines ...
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Theater heute Dezember 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Stephan Reuter
Das goldene Vlies aus der Argonautensage ist so etwas wie der «McGuffin» bei Hitchcock: ein sagenumwobenes Ding, um das sich alles dreht, obwohl es selbst eigentlich nichts zur Sache tut. In seiner Trilogie «Das goldene Vlies» (1821) liefert der österreichische Klassiker Franz Grillparzer zur Medea-Tragödie noch die Vorgeschichte dazu. Im ersten Teil, dem...
Es gibt sie tatsächlich, die Theaterkritiker, die in ihrem Leben nichts von Bedeutung erlebt haben, außer, was ihnen die Bühne als Material anbot. Was von Kritik verletzte Schauspieler und Regisseure seit ewigen Zeiten als gehässige Vermutung über den Beruf des Aufführungsrichters ablassen, dass diesen wohl nur im Leben Zukurzgekommene ergreifen, die das...
Nino Haratischwili ist eine Erzählerin, auf eine etwas aus der Zeit gefallene Weise. Eine Autorin, die gekonnt Mythos, Zeitgeschichte, persönliches Empfinden mit stringentem narrativen Gespür verbindet. Mal bremst sie ihre Fabulierlust mit Ironie ab, mal zieht sie das Tempo mit bewusstem Einsatz von Drastik an, deutlicher noch in ihren hochgelobten und...
