Das Auge der Betrachterin
So viel Etikettenschwindel war schon lange nicht mehr. «Wunderbare Jahre» behauptet der Buchtitel; der leere rote Plastikstuhl allerdings, der darunter ins Bergmassiv blickt, könnte zu denken geben. Doch dann kommt der Klappentext und spinnt weiter: Wunderbare Jahre waren das angeblich, «als wir noch die Welt bereisten», «schön, abenteuerlich, romantisch». Und heute? Da ist die Welt «zum Weglaufen. Aber wohin?»
Natürlich nirgendwohin. Jetzt nicht und noch nie.
Denn schön, abenteuerlich, romantisch war die Welt, jedenfalls in den Augen von Sibylle Berg, auch zwischen 1994 (der älteste von 19 Texten) und 2014 (der jüngste) nicht. Seit zwanzig Jahren schreibt Sibylle Berg neben Romanen und Theaterstücken von unnachahmlicher Bosheit und Weltekel Reisereportagen, unter anderem für die «Zeit», den «Spiegel» und das viel zu unbekannte Schweizer Magazin «Reportage». Die Texte in diesem kleinen Band sind Nachdrucke (ohne dass darauf mit einem einzigen Wort hingewiesen würde), und sie sind unverkennbar von Sibylle Berg, oszillierend zwischen Abscheu, Zynismus und unerwarteter und umso rührenderer Empathie. Von wunderbaren Jahren, Schönheit und Romantik allerdings keine ...
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Theater heute Dezember 2016
Rubrik: , Seite 56
von
Man könnte es sich leicht machen. Man könnte konstatieren, dass die Berliner Volksbühne mit Frank Raddatz' «Republik Castorf» im Zustand fortgeschrittener Sentimentalisierung angekommen sei. Und, ja, natürlich ist das sentimental: ein Interviewband, bestehend aus 18 selten analytischen, oft plaudernden, immer affirmativen Gesprächen mit einst und heute...
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Andrzej Wajda: Ich habe nicht viel Zeit, verstehen Sie. Wer 90 ist, ist ein alter Mann. Deswegen beeile ich mich und denke schon an den nächsten Film. Solange ich stehen kann, ausreichend Kraft habe, um mich beim Filmteam durchzusetzen, solange werde ich drehen.
Donata Subbotko: Hatten Sie vor, so alt zu werden?
Wajda: Nein. Als der Krieg zu Ende ging, war ich 19,...
