Das Auge der Betrachterin

Sibylle Bergs Reisereportagen aus zwei Jahrzehnten

Theater heute - Logo

So viel Etikettenschwindel war schon lange nicht mehr. «Wunderbare Jahre» behauptet der Buchtitel; der leere rote Plastikstuhl allerdings, der darunter ins Bergmassiv blickt, könnte zu denken geben. Doch dann kommt der Klappentext und spinnt weiter: Wunderbare Jahre waren das angeblich, «als wir noch die Welt bereisten», «schön, abenteuerlich, romantisch». Und heute? Da ist die Welt «zum Weglaufen. Aber wohin?»

Natürlich nirgendwohin. Jetzt nicht und noch nie.

Denn schön, abenteuerlich, romantisch war die Welt, jedenfalls in den Augen von Sibylle Berg, auch zwischen 1994 (der älteste von 19 Texten) und 2014 (der jüngste) nicht. Seit zwanzig Jahren schreibt Sibylle Berg neben Romanen und Theaterstücken von unnachahmlicher Bosheit und Weltekel Reisere­portagen, unter anderem für die «Zeit», den «Spiegel» und das viel zu unbekannte Schweizer Magazin «Reportage». Die Texte in diesem kleinen Band sind Nachdrucke (ohne dass darauf mit einem einzigen Wort hingewiesen würde), und sie sind unverkennbar von Sibylle Berg, oszillierend zwischen Abscheu, Zynismus und unerwarteter und umso rührenderer Empathie. Von wunderbaren Jahren, Schönheit und Romantik allerdings keine ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2016
Rubrik: , Seite 56
von

Weitere Beiträge
Stuttgart: Unschuldige Verfremdungen

Die Zeitungen sind auch an dem Morgen, an dem dieser Artikel entsteht, voll. Voll von deutschen Waffen, die im Ausland töten. Jemen. Nordafrika. Ganz aktuell. Die Rüstungsindustrie auf dem Vormarsch. Kein Geheimnis, vielleicht ein Tabu, unsere Gewehre verkaufen sich nun mal gut. Besonders die aus Oberndorf, einem kleinen Ort in Schwaben, wo gleich zwei große...

Kontinent der Werte

Warum eigentlich Europa verteidigen? Eine zerklüftete Territorialplatte mit unklarer Ostgrenze und recht diffuser paläoanthropologischer Vergangenheit, die nicht unwesentlich auf einen afrikanischen Einwanderer zurückgeht, den bis heute erstaunlich agilen Homo Sapiens. Wer herkunftsgeschichtlich argumentiert, hat es mit den Europäern nicht leicht, und auch sonst...

Warum nicht gleich Malick?

Das Theater geht ins Kino mit wackeligen Beinen und einem schicken neuen Anzug. So ließe sich der mediale Transfer beschreiben, den die Verfilmung von Ibsens «Die Wildente» durch Simon Stone betreibt. Der Australier Stone, geboren in Basel und dort Hausregisseur am Theater, wurde für seine Wiener Inszenierung von «John Gabriel Borkman» in diesem Jahr zum...