Was fehlt?

Widerspruch belebt: Drei Kritiker schreiben, was ihnen beim TT 2018 fehlt.

Antitheater

Susanne Kennedys «Women in Trouble» ist das Stück der Stunde für eine verunsicherte Stadtgesellschaft

Susanne Kennedys «Women in Trouble» an der Berliner Volksbühne ist ein unbehagliches Stück.

Weil es uns von dem entfremdet, was wir an Theater schätzen: Wir sehen hochtalentierte Schauspielerinnen wie Suzan Boogaerdt, Marie Groothof und Anna Maria Sturm, die ihr Können nicht ausspielen dürfen, deren Mimik hinter Gesichtshautmasken verschwindet, deren Stimmen im Vollplayback gedoubelt werden, deren Texte Versatzstücke sind aus Bibelzitaten, aus Motivationsslogans, aus John Cassavetes’ Film «Opening Night», in dem eine Schauspielerin den Boden unter den Füßen verliert. 

Darum geht es: den Boden unter den Füßen zu verlieren, den Kontakt zur Realität aufzugeben. Es geht um eine Krankheit, die den Körper vom Menschen trennt, und es geht um eine Hightechmedizin, die vielleicht eine Hoffnung beinhaltet, allerdings um den Preis, dass man sich vollkommen der Technik ausliefert. Um so hinter der Oberflächenästhetik von Touch­screens und Avataren zu verschwinden. «Women in Trouble» ist unbehaglich, weil nicht nur die Protagonistinnen sich auflösen, das Stück selbst ist im Verschwinden begriffen, am Ende sogar die Wahrnehmung des Zuschauers. Diese Schauspielerinnen wandern als leere Hüllen über Lena Newtons Bühne, über eine Bühne, die so kalt und leer ist, dass man sich irgendwann fragt, ob man es hier womöglich nur mit der Simulation einer Bühne zu tun hat. Ist das noch Theater? Oder gerade?

«Posthumanes Stadttheater» nannte Peter Kümmel die Inszenierung in der «Zeit», das ist natürlich Sloganizing, aber hinter dem Sloganizing steckt ein Gedanke, der weiter führt, zu den Fragen: Was erwarten wir vom Theater? Was für ein Theater wollen wir in unseren Städten? In welchem Theater finden wir uns wieder? Das sind Fragen, die man sich nicht nur in Berlin stellt, die stellt man auch in München, in Zürich, in Hamburg, die stellt sich jede Stadtgesellschaft, die verunsichert nach dem eigenen Selbstverständnis sucht. «Women in Trouble» gibt Antworten auf diese Fragen, indem sie Theater für eine posthumane Welt macht. Das muss man nicht sympathisch finden, man darf auch bezweifeln, ob der Post­humanismus überhaupt die richtige Antwort auf die Fragen der veränderten Gesellschaft ist. Aber zumindest hat Kennedy die Dringlichkeit der Fragen erkannt.

Als Chris Dercon vorigen Sommer die Volksbühnenintendanz von Frank Castorf übernommen hatte (und damit einen lange dauernden, immer unversöhnlicher geführten Theaterstreit auslöste), hatte man die Hoffnung, der von der Bildenden Kunst kommende Kurator könnte dem Stadttheater eine Vision geben, eine Idee, was das Theater in einer sich verändernden, nach ihrer Rolle suchenden Stadtgesellschaft sein könnte. Nach Dercons Scheitern muss man diese Hoffnung begraben, wäre da nicht «Women in Trouble», Kennedys dunkles, raunendes, unbe­hagliches Antitheater, das das Theater an einen Nullpunkt bringt. Eine Jury, die (vollkommen nachvollziehbar) Frank Castorfs Volksbühnen-Abschied «Faust» einlädt, hätte eigentlich im Sinne der Einladung bemerkenswerter Inszenierungen nicht daran vorbeikommen dürfen, auch Kennedys Volksbühnen-Debüt zu berücksichtigen. Eigentlich. 

Falk Schreiber

Beat der Freiheit

Stefan Bachmann wagt mit Schillers «Wilhelm Tell», einer Koproduktion von Theater Basel und Schauspiel Köln, den Rhythmus-Sprechtest  

Oft genug trauern Abostammgäste, namentlich jene, denen die neue performative Tagesordnung am Stadttheater wie einerlei Einheitsbrei vorkommt, den Zeiten hinterher, als mit Klassikern noch Sprachfeste gefeiert wurden. Zu verklären wäre hier wenig, und es braucht auch keine normative Theaterform. Dennoch gibt es diese Sehnsucht nach der Kraft der Worte. Selten genug stellt sich ein Regieteam ernsthaft der Frage, wie das klingen könnte: deklamieren heute.

Umso verpasster die Chance, einen bemerkenswert kreativen Umgang mit dem historischen dramatischen Metrum ans Theatertreffen zu holen: Stefan Bachmanns «Tell». Für den Regisseur wäre es ein Comeback, mindestens so verdient wie all die anderen Comebacks am TT 2018. Bachmann und seine zu gleichen Teilen aus Basler und Kölner Ensemblemitgliedern besetzte Truppe haben den Beat der Schillerschen Blankverse aufregend neu erfunden. Anachronistisch ist daran nichts. Stattdessen behext einen dieser ganz eigentümliche Sprechrhythmus, dezent unterstützt von Perkussion und Klangschleifen (Musik: Balthasar Streiff, Singoh Nketia), und in den Dialogmelodien äußert sich höchste zeit­genössische Dringlichkeit. Für Komik ist durchaus Platz, etwa wenn Tell und Stauffacher Sentenzen austauschen wie andere Leute Briefmarken. Doch in der Kraft des Wortes lauert auch die Tat. Gesslers Willkür. Und Tells Geschoss.

Olaf Altmann setzt dem Stoff den kongenialen Rahmen. Die Bühne ist mit einer dunklen Steilwand zugezimmert, was doppelt passt, zur verdeckten Rebellion eines Gebirgsvolks wie zu den dreckigen Tricks eines Tyrannen, der sich die Schweiz als Privateigentum denkt. Ein Schweizerkreuz ist ins Brettermassiv eingelassen. Durch dieses hohle Kreuz müssen alle kriechen, die sich die Freiheit ertrotzen wollen. 

Blutverschmiert hangelt sich eingangs Baumgarten (Thomas Reisinger) aus der Tiefe, Tell zerrt den Verfolgten gebückt durch eine Seitengas­se des Schweizerkreuzes hinein in windigen Nebel und in Sicherheit. Wir befinden uns auf Heldenstufe Eins: Nachbarschaftshilfe. Ansonsten lässt der Tell die Eidgenossen wissen: Lasst mich mit euren politischen Versammlungen in Frieden. Er sei ein Mann der Tat, kein Mann für den Rat. 

Dennoch rumort es im Kreuz. Und trotz eisernem Willen zur Stoffver­dichtung gönnt die Regie den Tells die eine traute Familienszene: Bruno Cathomas, ein eher massiger als modellathletischer Titelheld, pariert Frau Tells (Justus Maier) prophetische Furcht vor einem Aufbruch nach Altdorf ziemlich sorglos. Naturgemäß beeindruckt das Tells Knaben mehr als die Gattin. 

Stefan Bachmann hat ein reines Männerensemble gecastet, was angesichts der Dominanz herrischer Selbstjustiz voll in Ordnung geht. Es kommt, was kommen muss: Tell ignoriert den Hut auf der Stange, und aus dem Schatten der Geschichte tritt Gessler, den Thiemo Strutzenberger mit lasziver Lust am Machtbeweis ausstattet. Sehr bildstark der Apfelschuss: Bruno Cathomas spannt die Armbrust, als sei ihm alle Kraft aus dem Arm entwichen. Alt und zittrig kauert er sich hin und zielt, derweil Rudenz (Simon Kirsch) endlich aufmuckt. Gessler steigt dem ehemaligen Gefolgsmann sinnfällig auf die Schulter und drückt ihn in den Staub. Ein letztes Mal. Dann knallt ein Schuss. Der Apfel platzt. Mit den bekannten Folgen. Ein anderer, gestählter Tell wird den fiesen Vogt in der hohlen Gasse stellen.

Stephan Reuter

Na bitte, geht doch

Werner Schwabs «Faust»-Coverversion im Schauspielhaus Graz, inszeniert von Claudia Bauer

Erinnert sich noch jemand an Werner Schwab? Das war der exzessiv produktive Grazer Dramatiker, der Anfang der 90er ganz neue, unerhörte Töne anschlug und mit seinen «Fäkaliendramen» Furore machte. Allein 1992 schrieb Schwab sechs Stücke, darunter «Faust :: Mein Brustkorb :: Mein Helm», eines seiner «Coverdramen». Die Potsdamer Uraufführung im Oktober 1994 mit Blixa Bargeld als Mephisto hat der Autor nicht mehr erlebt, am Neujahrsmorgen des selben Jahres war Schwab 35-jährig an einer Überdosis Alkohol gestorben. Danach ließ das Interesse an seinen Stücken bald nach, und wenn ein Theater heute noch Schwab auf den Spielplan setzt, dann meist den Erstling «Die Präsidentinnen». 

Die Inszenierung von Schwabs «Faust»-Version am Grazer Schauspielhaus war erst die dritte überhaupt (und die erste in Österreich). Der Autor hält sich darin zwar lose an die Handlung von «Faust I», sein Blick darauf aber ist ein denkbar desillusionierter. Schwabs Faust ist ein innerlich verwahrloster Nerd; aus seinem Studierzimmer kommt er nicht mehr raus, und wenn er mal was empfinden will, schnuppert er an den Exkrementen in seinem Nachttopf. Auerbachs Keller, Osterspaziergang, Walpurgisnacht – das alles spielt sich nur in seinem Kopf ab. Und zwar in Form einer hochelaborierten Sprechpartitur, in der das typische «Schwabisch» («Du dreckverkrusteter Innen- und Außenvollverlügner ohne Wahrheitsfischfanggenehmigung!») von reimlosen Verspassagen durchbrochen wird. Kein Wunder, dass dieser komplexe Text bisher so selten auf die Bühne fand. 

Umso erstaunlicher, wie unkompliziert, transparent und, ja doch, unterhaltsam das Stück in Graz daherkommt. Regisseurin Claudia Bauer hat sehr genau am Text, besonders am Rhythmus, gearbeitet, und das ist hier schon die halbe Miete. Auf der Bühne (Patricia Talacko) steht eine große Holzkiste, die das Studierzimmer darstellt; wenn die Vorderwand der Box runterklappt, wird deutlich, dass das Studierhäuschen eigentlich ein Häusl ist: Schwabs Faust – Florian Köhler spielt das monströse Wrack mit müdem Losercharme – steckt tief in der analen Phase. Dass Mephisto (Benedikt Greiner) eine Kopfgeburt von Faust ist, macht die Inszenierung durch eine akrobatische Geburtsszene deutlich. Und die Walpurgisnacht – bei Schwab eine groteske Orgie mit drei Toten – arrangiert Bauer als kulinarisch-komischen Gewaltexzess mit riesigen Wurstbroten, Senf und Ketchup. Der Kunstgriff der Inszenierung, die Szenenanweisungen von der Souffleuse (Rosemarie Brenner) laut vorlesen, von den Akteuren dann aber nur halbherzig umsetzen zu lassen, kommt in dieser Szene besonders effektvoll zur Geltung. Auch die opulent schrillen Kostüme (Dirk Thiele) tragen wesentlich zum gepflegten Wahnwitz der Veranstaltung bei. 

Werner Schwab, der jetzt auch schon 60 wäre, ist nicht alt geworden. Wie lebendig seine Texte noch sind, beweist diese Aufführung, die auch eine Botschaft für andere Theater transportiert: Man kann Schwab spielen, wenn man’s kann.

Wolfgang Kralicek


Theater heute Mai 2018
Rubrik: Best of ... Theatertreffen Berlin, Seite 17
von Falk Schreiber, Stephan Reuter und Wolfgang Kralicek