Zeiten der anderen Wirklichkeit
Putins Tod dauert ungefähr 20 Minuten. Der russische Machthaber wird vergiftet, erschlagen, erwürgt, ersäuft, erschossen. Auf den grotesken, irrwitzig gespielten Todeskampf folgt sanfte Musik. Dann tosender Applaus im vollen Saal des Teatr Lesi, am Rande der Lwiwer Innenstadt. «Wie ich den Krieg getroffen und Putin fast getötet habe» ist ein Gastspiel dreier Schauspieler aus den Kriegsgebieten im Osten, die ihre Heimat verlassen mussten. «Ich fühle mich wahnsinnig müde vor Vergnügen», sagt Regisseur Artem Vusyk direkt nach der vorläufig letzten Aufführung.
Das Stück ist autobiografisch: Vusyk floh am ersten Kriegstag von Charkiw nach Lwiw. Sascha Shai, der Putin spielt, kam aus Kiew. Im Zentrum steht die Innenwelt des Protagonisten, der Putin mit dem tödlichen Fluch belegt. In den ruhigen Momenten reflektiert er über die falsche neue Normalität im wunderschönen Lwiw, wo der Krieg so weit entfernt scheint. Gerade diese Zwischentöne sind es, die dieses ansonsten eher an Quentin Tarantino erinnernde Stück so besonders machen.
Die westukrainische Metropole Lwiw (Lemberg) ist stark von ihren acht Theaterhäusern geprägt. Zu Kriegsbeginn kamen Hunderttausende Geflüchtete in die Stadt, ...
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Theater heute Februar 2023
Rubrik: International, Seite 42
von Florian Bayer
Als der Volksschüler Peter Handke zum ersten Mal das Klagenfurter Stadttheater besuchte, hinterließ die Aufführung bleibenden Eindruck; allerdings blieben ihm weder Handlung noch Darsteller des Kinderstücks in Erinnerung, sondern nur das Bühnenbild: ein Haus mit Tür und Fenstern, aus dem aber, anders als er erwartet hatte, niemand auftrat. Ähnliche Gebäude werden...
Irgendetwas stimmt mit dieser Familie nicht. Aber dieses Etwas ist lange nicht greifbar, fast unheimlich. Natürlich gibt es konkrete Konflikte: Vater Dilo ist seit Langem arbeitslos, auch seine gesundheitlichen Probleme sind gravierend. Seine weitaus älter wirkende, von ihrer Fabrikarbeit als Näherin gezeichnete Ehefrau Sara muss den Lebensunterhalt und das Studium...
Die Seele ist verletzbar. Das habe ich erfahren», gesteht die Schauspielerin dem Publikum, das über die Raumbühne verteilt auf Stühlen sitzt. «Stellen Sie sich vor, Sie haben keine einzige Schublade, in die Sie Ihre Notizen legen können. Jeder Raum ist vom Geheimdienst vermessen, jedes Wort kann mitgeschnitten werden. Jede intime Handlung wird belauscht.»
Im...
