Zehn Jahre danach

Ein gutes Jahrzehnt nach Botho Strauß’ «Anschwellendem Bocksgesang» wird eine neue Patriotismusdebatte gefordert, «Multikulti»-Grabgesänge ertönen, und die westlichen Gesellschaften sind von fundamentalistischem Terror bedroht. Haben sich die kulturkritischen Prophezeiungen erfüllt? Sind die liberalen Freiheiten damit erledigt? Oder was wäre zu tun, damit das Einwanderungsland Deutschland keinen Kampf der Kulturen erlebt?

Theater heute - Logo

Die multikulturelle Gesellschaft sei gescheitert, tönt es seit der Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh durch einen islamistischen Extremisten mit triumphalem Unterton aus konservativen Politikerreden und Zeitungskommentaren. Gemeint ist mit «Multikulti», wie man das Phänomen in genüsslich spöttischer Abkürzung gerne zu nennen pflegt, eine naive Fremdenfreundlichkeit, die der deutschen Gesellschaft aufgezwungen worden sei und die jetzt zu einem bösen Erwachen geführt habe.

Doch diese wohlfeile Polemik trifft die Wahrheit allenfalls zur Hälfte.

Denn nicht nur viele Linke und Liberale, die fürchteten, sich dem Vorwurf rassistischer Voreingenommenheit auszusetzen, haben jahrzehntelang die Augen vor dem realen Konfliktpotenzial einer globalisierten Einwanderungsgesellschaft verschlossen. Auf konservativer Seite ging die Verdrängung so weit, dass man noch bis vor kurzem an dem Glaubenssatz festhielt, Deutschland sei «kein Einwanderungsland». Wie weit das von der Wahrheit entfernt ist, zeigt die EU-Zuwanderungsstatistik für das Jahr 2003. Dort stehen nicht etwa die Niederlande an der Spitze, sondern, mit großem Abstand zu den übrigen Mitgliedsländern, Spanien, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2005
Rubrik: Essay, Seite 20
von Richard Herzinger

Vergriffen
Weitere Beiträge
Silikon überlebt!

Frage: Man findet nach einem Flugzeugabsturz fünf Leichen mit Silikonimplantaten, was ist das? Antwort: eine Girlgroup.» Nun ist dies keine Anekdote aus der amerikanischen Bestattungsunternehmer-Serie «Six Feet Under», sondern ein ganz normaler Schweizer Bestattungsunternehmer-Witz und hat eigentlich nicht wahnsinnig viel mit Max Frischs Roman «Homo Faber» von 1957...

Dick aufgetragen

Natürlich ist der «Neger» weiß. Erst ganz am Schluss kramt er doch noch das Creme-Tiegelchen hervor und schmiert sich zentimeterdick die schwarze Farbe auf den Leib und ins Gesicht. Mit küssender Gewalt hinterlässt Othello seine dunklen Spuren auf der weißen Unschuldshaut Desdemonas – wie bereits anno 1976 Ulrich Wildgruber als Zadeks Wilder. Der Mohr in Michael...

Jenseits der Betroffenheit

Mathieu hätte gerne eine Freundin. Ein durchaus nachvollziehbarer und üblicherweise auch erfüllbarer Wunsch für einen jungen Mann. Doch so einfach ist das nicht in diesem Falle, denn Mathieu ist Zerebralparetiker. Die spastische Muskeltonusstörung fesselt ihn an den Rollstuhl, bereitet ihm Schwierigkeiten beim Sprechen und lässt seine Gliedmaßen unkontrolliert...