Wuttkes Mangel oder Schwierige Geschichten

Nach dem Engagement ist vor dem Erzählen – Einblicke in die Sinnhaushalte der dramatischen Jahresproduktion

Theater heute - Logo

Martin Wuttke ist jetzt «Tatort»-Kommissar. Das ist keine Schande, aber doch ein klarer Schnitt.

Er ist einer der auffälligsten und profiliertesten Schauspieler seiner Generation, hat über 400-mal Arturo Ui gespielt in Heiner Müllers hinterlassener Brecht-Inszenierung, war ein kurzes Jahr dessen Nachfolger als Intendant des Berliner Ensembles und gehörte dann über zehn Jahre zum harten Protagonisten-Kern von Frank Castorfs Volksbühne, wo sich der kleine drahtige Mann wie ein scharfes Messer unter anderem durch vielstündige Dostojewski-Expeditionen schnitt, zuletzt als Raskolnikoff, der glühend selbsterleuchtete Überzeugungsmörder. – Alles keine Stationen im funktionablen Hauptabendbereich. Doch der Wechsel in die Krimi-Primetime blieb nicht die einzige Überraschung; auch die erstaunliche inhaltliche Begründung, die der Schauspieler in einem der vielen PR-Interviews gegeben hat, hatte es in sich: Das Theater könne nichts mehr bewegen, so Wuttke, denn ihm fehle das übergeordnete Projekt, das Sendungsbewusstsein der achtziger Jahre, das Subversive der Jahre davor. Da sei ihm das Fernsehen lieber. Wuttke ist, kein Zweifel, vom Gegenwartstheater enttäuscht und wechselt lieber ins drehbuchgestützte Aufklärertum als Bildschirm-Ermittler – auch eine hochmoralische Anstalt.  ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2008
Rubrik: Die Dramatiker des Jahres, Seite 80
von Franz Wille

Vergriffen
Weitere Beiträge
Zugelaufener Rollkoffer

Eine junge Frau begegnet einem Koffer: «Sein Griff, sein langer Griff, zieht meine Hand an. /Passgenau. / Ich geh weiter. / Einfach weiter. / Der Koffer rollt hinter mir her. / Leise und leicht.» Das Bild vom Koffer, der sich offenbar eine neue Herrin sucht, erschien mir sofort einleuchtend, vielleicht weil ich als Kind bei jedem scheinbar herrenlosen Hund hoffte,...

Die Wurzeln der Innigkeit

Dieser Mann muss sich mit der Kneifzange rasieren. Zu viele Hormone. Schnurrbart ist kein Wort für den borstigen Oberlippen-Propeller im zarten Gesicht des Jens Harzer. Jack Nicholson spielte einst in Roman Polanskis «Chinatown» den halben Film mit einem Nasenpflaster im Gesicht, und schon dieser Fremdkörper war eine Zumutung. So ähnlich müsste es doch Harzer mit...

Konsumgut Nebenmensch

Die Schneiderei, die Nebenspielstätte des Schauspielhauses, ist ein Raum mit vielen Fenstern zur Porzellangasse, in den durch die morsche Doppelverglasung der Lärm der Stadt dringt. Ewald Palmetshofer, der Hausautor des Schauspielhauses, sitzt hier, neuerdings täglich, um zu schreiben. Die Schneiderei, mit Hans Gratzers altem Schreibtisch aufgerüstet, ist sein...