Wundpflaster in einer verrückten Welt
In der europäischen Klassifizierung teilt man Lügen nach ihrer Lebensdauer ein – in A, B, C oder D», erklärt der rumänische Schulkoch Herr Popa der kleinen Valentina, die gerade mit ihrer lebensbedrohlich erkrankten Mutter von Rumänien nach Frankreich gekommen ist. D-Lügen dauern nur zwischen 30 Sekunden und 2 Minuten, denn sie sind leicht vom gesunden Menschenverstand zu entlarven. Lügen, die in Klasse C eingestuft werden, können dagegen eine Lebensdauer von mehreren Monaten oder sogar Jahren entwickeln, bis sie durch einen Widerspruch schließlich aufgedeckt werden.
Noch länger können B-Lügen andauern, weil der Lügner in seiner Lüge gefangen ist und sie irgendwann glaubt – manchmal sogar ein ganzes Leben lang. Einer Lüge der Klasse A ist Herr Popa noch nie begegnet: «Das ist eine Lüge, die wahr wird.»
«Valentina», die neue Inszenierung von Caroline Guiela Nguyen, ist eine faustdicke Lüge der gehobenen A-Klasse: ein Bühnenmärchen, ein pseudoreligiöses Martyrium, das gleichzeitig felsenfest auf dem dokumentarischen Boden rumänischer Einwanderungsgeschichten in Straßburg steht. Guiela Nguyen, die als Tochter einer vietnamesischen Mutter und eines jüdisch-sephardischen Vaters in ...
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Theater heute Juni 2025
Rubrik: Festivals, Seite 48
von Anja Quickert
Um ein Haar wäre Uli Hoeneß Kulturstaatsminister geworden. Er hat schließlich auch eine Villa am Tegernsee, seine sportliche Leidenschaft gilt allerdings nicht dem Golf wie angeblich bei den Nachbarn Friedrich Merz und Wolfram Weimar, sondern bekanntlich dem Fußball. Aber Ulis Bälle waren wahrscheinlich ein paar Nummern zu groß für den Kanzler. Dabei hätten sie gut...
| Gesprochen | Projiziert | ||
| 1 | Selbstmord, ein Versuch | ||
| 2 | Stalingrad, ein Wintermärchen | ||
| 3 | Wir kommen um, zu leben |
| 4 | Grüß Gott, Schwermut | ||
| 5 | Hoppla, wir sterben | ||
| 6 | Die glorreichen sieben Samurai gegen Theben | ||
Im zweiten Akt sitzt der Kriegsveteran und Jahrmarktschausteller Eugen Hinkemann in einer Arbeiterkneipe mit ein paar Genossen beim Bier. Einer von ihnen, bei Ernst Toller heißt er Michael Unbeschwert, hat gerade die neue Gesellschaftsordnung in Aussicht gestellt, in der «eine vernünftige Menschheit ein glückliches Dasein» produziert. Ob das für alle gelte, will...
