Wundpflaster in einer verrückten Welt

An der Berliner Schaubühne untersucht das Festival Internationale Neue Dramatik (FIND) das Politische im Privaten

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In der europäischen Klassifizierung teilt man Lügen nach ihrer Lebensdauer ein – in A, B, C oder D», erklärt der rumänische Schulkoch Herr Popa der kleinen Valentina, die gerade mit ihrer lebensbedrohlich erkrankten Mutter von Rumänien nach Frankreich gekommen ist. D-Lügen dauern nur zwischen 30 Sekunden und 2 Minuten, denn sie sind leicht vom gesunden Menschenverstand zu entlarven. Lügen, die in Klasse C eingestuft werden, können dagegen eine Lebensdauer von mehreren Monaten oder sogar Jahren entwickeln, bis sie durch einen Widerspruch schließlich aufgedeckt werden.

Noch länger können B-Lügen andauern, weil der Lügner in seiner Lüge gefangen ist und sie irgendwann glaubt – manchmal sogar ein ganzes Leben lang. Einer Lüge der Klasse A ist Herr Popa noch nie begegnet: «Das ist eine Lüge, die wahr wird.»

«Valentina», die neue Inszenierung von Caroline Guiela Nguyen, ist eine faustdicke Lüge der gehobenen A-Klasse: ein Bühnenmärchen, ein pseudoreligiöses Martyrium, das gleichzeitig felsenfest auf dem dokumentarischen Boden rumänischer Einwanderungsgeschichten in Straßburg steht. Guiela Nguyen, die als Tochter einer vietnamesischen Mutter und eines jüdisch-sephardischen Vaters in ...

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Theater heute Juni 2025
Rubrik: Festivals, Seite 48
von Anja Quickert

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