Wundpflaster in einer verrückten Welt
In der europäischen Klassifizierung teilt man Lügen nach ihrer Lebensdauer ein – in A, B, C oder D», erklärt der rumänische Schulkoch Herr Popa der kleinen Valentina, die gerade mit ihrer lebensbedrohlich erkrankten Mutter von Rumänien nach Frankreich gekommen ist. D-Lügen dauern nur zwischen 30 Sekunden und 2 Minuten, denn sie sind leicht vom gesunden Menschenverstand zu entlarven. Lügen, die in Klasse C eingestuft werden, können dagegen eine Lebensdauer von mehreren Monaten oder sogar Jahren entwickeln, bis sie durch einen Widerspruch schließlich aufgedeckt werden.
Noch länger können B-Lügen andauern, weil der Lügner in seiner Lüge gefangen ist und sie irgendwann glaubt – manchmal sogar ein ganzes Leben lang. Einer Lüge der Klasse A ist Herr Popa noch nie begegnet: «Das ist eine Lüge, die wahr wird.»
«Valentina», die neue Inszenierung von Caroline Guiela Nguyen, ist eine faustdicke Lüge der gehobenen A-Klasse: ein Bühnenmärchen, ein pseudoreligiöses Martyrium, das gleichzeitig felsenfest auf dem dokumentarischen Boden rumänischer Einwanderungsgeschichten in Straßburg steht. Guiela Nguyen, die als Tochter einer vietnamesischen Mutter und eines jüdisch-sephardischen Vaters in ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2025
Rubrik: Festivals, Seite 48
von Anja Quickert
Bitte anschnallen, gleich geht’s los! – Ein Krachen, Fauchen und Rumpeln wie in der Geisterbahn verheißt, dass es gleich ungemütlich werden soll, aufregend und bedrohlich. Begegnungen mit bösen Gespenstern aus Vergangenheit und Zukunft sind zu erwarten.
Mitten in den gediegenen Bronzerahmen des Jugendstilportals der Münchner Kammerspiele hat das Künstlerduo Mehmet...
Angeblich habe sich Bertolt Brecht bei der Konzeption des Epischen Theaters vom antinaturalistischen Gestus der Peking-Oper inspirieren lassen. Yida Guo, in China geborener aber seit längerem in Hamburg lebender Regisseur, nimmt dieses Gerücht im Programmheft von «Der gute Mensch von Sezuan» in der Werkstattbühne der Thalia-Außenstelle Gaußstraße auf, allerdings...
Schön, dass Sie hier sind. Ich bin’s auch – noch. Vielleicht sind wir beide gerade auf dem Weg, etwas zu verstehen. Oder einfach ein paar Sätze lang gemeinsam zu denken. Ohne Fazit. Fazitfrei quasi.
Eigentlich wollte ich heute über Kritik schreiben. Aber sobald ich das Wort denke, höre ich es knacken – mitten in der Stirn. Kritik klingt nach Schule, Bewertung,...
