Wir sind es selbst

Karin Beiers grandiose Inszenierung von «Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen» in Köln

Theater heute - Logo

Sie sind unter uns. Und es sind viele. Sie sehen aus wie wir. Aber sie haben niemals eine Sinfonie gehört, ein Gedicht auswendig ge­lernt oder ein Theater besucht. Sie schauen fern und freuen sich, wenn in den Nachmittagstalkshows Leute auftreten, die noch blöder sind als sie. Dann fühlen sie sich überlegen und einen Moment lang herausgehoben aus ihrem Alltag aus Gebrüll, Missachtung und Jagd nach Billigartikeln. Sie zu benennen, ohne politisch unkorrekt zu werden, ist schwierig. Unterschicht? Prekariat? Alles klingt, als wolle man sich über sie erheben.

Will man ja auch, aber es soll eben nicht so klingen. Nennen wir sie doch einfach «Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen».

Meistens erleben wir diese Menschen, die aussehen wie wir, auf der Bühne in idealisierter Form. In den wundervollen Horváth-Stücken oder in Jugendclub-Aufführungen, die kreatives Potenzial in Problemkindern wecken. Da spürt man, dass sie nicht so werden müssen, wenn wir sie ernst nähmen und die Geduld aufbrächten, ihnen Stolz und Anerkennung zu vermitteln, einen aufrechten Gang. Das geschieht immer noch viel zu wenig, die Realität ist eine andere. Der Filmemacher Ettore Scola hat sie mit seinen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2010
Rubrik: Die Inszenierung des Jahres, Seite 126
von Stefan Keim

Vergriffen
Weitere Beiträge
Scham-los. Maß-los

Unspektakulärer kann Nacktheit wahrscheinlich nicht mal am FKK-Strand rüberkommen. Kein handelsübliches Murren regt sich im Silbersee des Schauspiels Hannover im vorderen Parkett, kein Kichern in den reich mit Schulklassen besetzten hinteren Reihen. Dass Sandra Hüller als Parzival die Bühne splitterfasernackt betritt und das auch eine ganze Weile bleiben wird,...

Marktgemüse

Spargel» von Gianina Carbunariu (ein Einakter, der aber gerade von der Autorin zu einem abendfüllenden Stück für das Volkstheater in Wien ausgearbeitet wird) spielt in einem Supermarkt in England. Uhrzeit: 21.15, eine Dreiviertelstunde vor Ladenschluss. George, Engländer, Pensionist und Dani, Rumäne, Mitte dreißig, Spargelpflücker, studieren das Angebot. Es ist...

Dass es so weitergeht

Die Ausgangssituation des Stückes «Tod und Auferstehung der Welt meiner Eltern in mir» von Nis-Momme Stockmann wird vom Autor charakterisiert durch eine Farbe, die eigentlich eine Nicht-Farbe ist: grau. Grau wie ein Gesicht, aus dem die Farben schwinden, grau wie die graue Maus, die ein Sinnbild für die Unscheinbarkeit ist, oder wie die graue Eminenz, der etwas...