Ein Instrument der Nähe

Stefan Kaegi beschwört das Ende der Einweg-Kommunikation

Theater heute - Logo

Ich stelle mir ein Theater vor, das mit 500 Menschen in einem Original-Gerichtssaal spielt. Ich stelle mir ein Publikum vor, das als Fahrrad fahrende Horde das Leben in einem Park neu choreografiert. Regisseure, die in den Laboratorien der technischen Universität mit Forschern Holografieperformances entwickeln. Ein Ensemble aus wechselnden Stadtbewohnern, das in einem speziellen Theatermobil durch das Land zieht, um die Leere außerhalb der Stadt zu inszenieren.

Ins Theater gehen hieß lange, sich vom Alltag verabschieden, den Mantel in der Garderobe eintauschen gegen ein Recht auf Passivität. Sich in einen dunklen Zuschauerraum setzen und nach vorne schauen, wo virtuose Genies das Leben abbildeten, so gut das eben ging.
Aber seither sind neue Vorstellungen von Repräsentation entstanden, neue Öffentlichkeiten, neue Schauplätze. Neue Sprachen wurden entwickelt, neue Zeichen, neue Bedürfnisse von Teilhabe. Eine ganze Generation ist mittlerweile mit sozialen Netzwerken aufgewachsen, in denen Erfahrungen geteilt statt von oben herab mitgeteilt werden. Heute kommt Welt-Interpretation nicht mehr in gedruckter Form in den Briefkasten oder als Einwegkommunikation aus dem Fernseher. In dieser ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2014
Rubrik: Reale Utopien, Seite 104
von Stefan Kaegi

Weitere Beiträge
Unverschämt hoffnungsvoll

Quiara Alegria Hudes hat mit «Water by the Spoonful» ein well-made play geschrieben, das die reale mit der virtuellen Welt verbindet. Wie viele amerikanische Stücke handelt auch dieses von einer Familie und deren vielen kleinen Dramen, die langsam nacheinander aufgedeckt werden. Besonders wird das dadurch, dass die Familiengeschichte um eine virtuelle zweite...

Die Veränderungs­aneigungsmaschine

In meiner Vorstellung ist dieses Theater eine architektonische, räumliche Erweiterung meines Körpers. Ein Wahrnehmungsapparat. Was sich eröffnet, ist ein Ort, in dem alles fröhlich uneindeutig ist, so klar es auf den ersten Blick auch erscheinen mag. Die Architektur, die Schichtung des Baumaterials, die Wände. Oder die Türen, mit flackernden Notausgangsschildern,...

Breit machen in der Gesellschaft!

Neulich war ich für ein Projekt auf dem Balkan, bestellte bei einem Barkeeper ein Bier, bis er mich fragte, was ich so mache? Ich sagte, ich bin Schauspieler, nein nein, was ich tue, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen; und mit dem Bier schob er mir mein Trinkgeld zurück. Als ich in Thailand dieselbe Frage gestellt bekam, war ich schon gar nicht mehr verwundert,...