Ein Instrument der Nähe
Ich stelle mir ein Theater vor, das mit 500 Menschen in einem Original-Gerichtssaal spielt. Ich stelle mir ein Publikum vor, das als Fahrrad fahrende Horde das Leben in einem Park neu choreografiert. Regisseure, die in den Laboratorien der technischen Universität mit Forschern Holografieperformances entwickeln. Ein Ensemble aus wechselnden Stadtbewohnern, das in einem speziellen Theatermobil durch das Land zieht, um die Leere außerhalb der Stadt zu inszenieren.
Ins Theater gehen hieß lange, sich vom Alltag verabschieden, den Mantel in der Garderobe eintauschen gegen ein Recht auf Passivität. Sich in einen dunklen Zuschauerraum setzen und nach vorne schauen, wo virtuose Genies das Leben abbildeten, so gut das eben ging.
Aber seither sind neue Vorstellungen von Repräsentation entstanden, neue Öffentlichkeiten, neue Schauplätze. Neue Sprachen wurden entwickelt, neue Zeichen, neue Bedürfnisse von Teilhabe. Eine ganze Generation ist mittlerweile mit sozialen Netzwerken aufgewachsen, in denen Erfahrungen geteilt statt von oben herab mitgeteilt werden. Heute kommt Welt-Interpretation nicht mehr in gedruckter Form in den Briefkasten oder als Einwegkommunikation aus dem Fernseher. In dieser ...
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Theater heute Jahrbuch 2014
Rubrik: Reale Utopien, Seite 104
von Stefan Kaegi
Sehr geehrte Redaktion,
anbei der Text. Wir haben uns nicht an die Längenbeschränkung gehalten, aber das ist nicht schlimm. Wir haben auch keine richtige Utopie verfasst. Die Realität, wie verlangt, einmal möglichst beiseite zu lassen, schien uns keine gute Idee. Stattdessen sind es nun Forderungen geworden, die sich direkt auf das gegenwärtige Theater beziehen....
Wenn ein Mann von der Statur des Schauspielers Peter Kurth sich das offene Jeanshemd unter der Brust zusammenknotet, kann das eigentlich nur zweierlei bedeuten. Entweder zeugt diese Maßnahme, die seinen imposanten Bauch effektvoll in Szene setzt, von penetrantem Selbstbewusstsein und virilem Zeigestolz: «Hier, seht her, alles meins!» Oder aber sie signalisiert:...
Gelandet in Kiew. Wie Nachhausekommen in eine unbekannte Stadt», verzeichnet mein Tagebuch am 23.6.2011 um 16.00 Uhr. Ich war mit dem Direktflug aus New York angereist. 14 Stunden economy class, der Atlantik und drei Viertel des Kontinents lagen hinter mir. Dann die Taxifahrt durch eine ausgedehnte Zone voll schmutziger Plattenbauten und haushoher Reklamen für...
