Evolutionäre Zellen
Im idealen Staat sollte bekanntlich kein Theater mehr stattfinden. Gilt das umgekehrt? Oder ist das nur ein Traum von marktradikalen Neoliberalen? Das Theater meiner Träume sieht dem abgerissenen Palast der Republik verdammt ähnlich, allerdings ist er nun zweigeteilt: Der eine Flügel ist überflutet, aus dem Wasser ragt eine Bergspitze, Besucher rudern in Booten herum, in allen Ritzen finden Performances statt. Im anderen Teil befindet sich die größte, modernste Bühne des ganzen Landes. Durch Geheimgänge sind beide Hälften miteinander verbunden.
Es ist gang und gäbe, dass ein Spieler von der Bühne abtritt, nur um wenig später auf der andren Seite wieder aufzutauchen (und umgekehrt). In den Niederlanden gibt es dafür ein gutes Wort: doorstromen (durchströmen).
Anstelle unseres dualen Theatersystems (Stadttheater vs. Freie Szene) gibt es dort ein Kontinuum vom kleinen Productiehuis zur prächtigen Stadsschouwburg. Diese Diversifikation begann 1969 mit einer revolutionären Kulturreform: Schauspielschüler warfen im Theater mit Tomaten (Actie Tomaat) und haben so eine Neuausrichtung der staatlichen Vergabepolitik bewirkt. Gefördert wurden seitdem nicht nur Institutionen, sondern auch ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2014
Rubrik: Reale Utopien, Seite 120
von Alexander Karschnia
Richtig einig sind sich die 44 Kritiker, die zu unserer diesjährigen Hitparade beigetragen haben, vor allem in einer Frage: Das Theater des Jahres ist das Maxim Gorki Theater im ersten Jahr der Intendanz von Shermin Langhoff! Eindrucksvolle 15 Kritiker ließen sich von ihrem Berliner Neustart überzeugen, 7 stimmten für den Vorjahressieger Münchner Kammerspiele unter...
Aus zwei verschiedenen Richtungen – wie Wagen in zwei Fahrtrichtungen auf einer nächtlichen Landstraße, die sich für einen einzigen kurzen Moment begegnen und dann aneinander vorbeirauschen –, so laufen die Geschichten und Lebenswege in Christoph Nußbaumeders Stück «Das Fleischwerk» aufeinander zu. Sie streifen, verletzen und verlieren sich. Brutal sind sie alle,...
Im ersten Spielzeitbuch zu Beginn seiner Intendanz 2010 in München ist ein Foto abgedruckt. Es zeigt Johan Simons, der die Maximilianstraße überquert. 45 Jahre früher hat er, Johan Simons, zum ersten Mal die Maximilianstraße überquert. 1965 war das. Johan war gerade mit dem Bus angekommen, stand auf der Maximilianstraße und schaute Richtung Kammerspiele.
Es gab...
