Wildes Weib, neu formatiert
Kindsmörderinnen sind kein Mythos. Wer die Nachrichten nach Müttern durchkämmt, die ihre Kinder umgebracht haben, oft gleich nach der Geburt, stößt meist auf sozial oder psychisch prekäre, als Kind selbst vernachlässigte und misshandelte Frauen, häufig allein oder in schwierigen Beziehungen. Was auch immer ihr Motiv sein mag – ökonomische Ausweglosigkeit, Druck der Familie, Eifersucht, Selbsthass – immer ist Empathielosigkeit im Spiel, die Unmöglichkeit von Bindung.
Medea, Euripides’ mythische Königstochter aus Zeiten lange vor Psychologie und Pathologie, scheint da ein ganz anderes Kaliber. Sie ist eine große, ja maßlose Liebende: Sie hat im heute georgischen Kolchis ihren Vater Aietes bestohlen und Beihilfe zu seiner und ihres Bruders Ermordnung geleistet, um ihrem Geliebten, dem Argonauten Jason, zur siegreichen Heimkehr zu verhelfen. Doch so, wie sie sich um der Liebe willen gewaltsam aus allen Bindungen – Heimat, Familie – gelöst hat, zerfallen nun auch die neuen: Sie verliert Jason, als dieser merkt, dass seine Gattin in Korinth nicht anerkannt wird, und ihr neues Zuhause, weil König Kreon Jason als Schwiegersohn und Ehemann für seine Tochter Kreusa bestimmt. Als Medea dann ...
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Theater heute Februar 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Eva Behrendt
«Im Jahr 2015 begibt sich eine alte Frau aus Mossul mit ihrer vierjährigen Enkelin auf die Flucht. Sie legt 18.000 Kilometer zurück, vom Irak zum Baltikum, über die sogenannte Balkanroute. Dies ist ihre unglaubliche Geschichte.» Stefano Massini ist gut darin, komplexe Themen auf Boulevardniveau herunterzubrechen – dass seine Protagonistin Haifa quer durch Europa...
Es ist dunkel. Und kalt. Und muffig. Die Zuschauer werden durch einen Keller gescheucht und sollen sich in das Dasein von Tagelöhnern im Kiel des Jahres 1918 einfühlen, eingezogen zu niedrigsten Arbeiten auf einem Kriegsschiff, Kohlen schippen und so, fürs Vaterland. «Es geht gegen England!», brüllt einer, und das Publikum: «Hurra! Hurra! Hurra!» Aber die...
Niemand kann so schön schmollen wie Benny Claessens. Wenn sich das Gesicht in den kategorischen Widerspruch eines Kleinkinds verknautscht, die Stimme eine Oktave in die Höhe fährt, der mächtige Körper sich in ein Gebirge aus Trotz verwandelt. Wenn Salome schmollt, dann will er/sie wirklich nicht. Aber warum, das ist hier eine gute Frage.
Ersan Mondtag (Regie und...
