Frankfurt: Sehnsucht nach Monstern

Nach Ken Wilber/Treya Killam Wilber «Mut und Gnade» (U)

Theater heute - Logo

Im Wasserbassin stampfen, treten, stöhnen und schreien vier Schauspielerinnen und vier Schauspieler. Die Männer treiben die Frauen an: «Come on!», schreien sie, «weiter!» Mit Kraft, Zorn und Lebenswillen feuern sie die Kranken an, feuern sie an in ihrem Kampf gegen den Krebs. In der dunklen Weite des Bockenheimer Depots sind nur die Leiber der Spieler*innen erleuchtet, wie ausgeschnitten bewegen sie sich in der Schwärze, in den hell aufspritzenden Wasserfontänen, die wie von selbst ihr faszinierendes Spiel entfalten.

Nass kleben ihnen die Kleider am Leib, werfen Falten von skulpturaler Schönheit. Dieser energische Wut-Chor in der Mitte der Inszenierung ist ein energetischer Höhepunkt, an dem sich die Zeichen, die sich vorher elegisch entfalteten, und die Spieler*innen, die sich zuvor im Bassin verstreuten, zusammenfinden, zusammen­rotten und verdichten. Und doch vermag er den Abend nicht zu retten, um in der Terminologie zu bleiben: Wie bereits am Anfang von «Wut und Gnade» klar ist, dass Treya sterben wird, so ist auch klar, dass die Anmut des Abends nicht über seine Banalität hinweghelfen wird.

Doch: Darf man das überhaupt? Eine Inszenierung über Krebs banal nennen? Man darf, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2019
Rubrik: Chronik, Seite 49
von Esther Boldt

Weitere Beiträge
Nachruf: «Der gute Geist all ihrer Künstler*innen»

Einer der letzten Eindrücke von Maria Magdalena Ludewig, bei der Eröffnung der Wiesbaden Biennale 2018 (s. TH 10/2018): Fiebrig, blass, hochenergetisch federte sie auf dem Grün, über das gerade im Auftrag des Künstlers Santiago Sierra ein Trecker gerast war, um einen mächtigen Zaun zu entfalten. Die Eröffnung der Biennale war ein veritables Feuerwerk, sie fand in...

Bochum: Skandal verbal

Den Anfang macht eine Zirkusnummer: Eine Frau im märchenhaften Kinderkleid wird nur an den Haaren hängend aus der Versenkung in den Bühnenhimmel gezogen, dabei dreht sie sich wie tanzend um sich selbst. Wir sind, so scheint es, in einer Art Kinderbelustigung für Erwachsene. Sechs Gestalten, einheitlich grell geschminkt, kichern und lassen die Zungen kreisen....

Berlin: Take five!

Niemand kann so schön schmollen wie Benny Claessens. Wenn sich das Gesicht in den kate­gorischen Widerspruch eines Kleinkinds verknautscht, die Stimme eine Oktave in die Höhe fährt, der mächtige Körper sich in ein Gebirge aus Trotz verwandelt. Wenn Salome schmollt, dann will er/sie wirklich nicht. Aber warum, das ist hier eine gute Frage. 

Ersan Mondtag (Regie und...