Wien, Schauspielhaus
Vor zwanzig Jahren war Marlene Streeruwitz eine erfolgreiche Dramatikerin. Vor zehn Jahren stellte sie, enttäuscht vom Theaterbetrieb, die Dramenproduktion ein und wurde zu einer erfolgreichen Romanautorin. Im Wiener Schauspielhaus, wo 1994 ihr Stück «Tolmezzo» uraufgeführt worden war, stand die Autorin jetzt nach langer Zeit wieder einmal auf einer Theaterbühne, um sich den Premierenapplaus abzuholen. Von einem Comeback kann dennoch nur bedingt die Rede sein: Zur Aufführung gelangte kein neues Streeruwitz-Drama, sondern die Adaption des Romans «Entfernung».
Das 2006 erschienene Buch erzählt in der Streeruwitz-typischen Stummelsatzprosa von einer Frau, die einigermaßen neben den Schuhen steht. Selma Brechthold (!), Ende 40, hat ihren Mann und ihren Job als Chefdramaturgin bei den Wiener Festwochen verloren und unternimmt eine Reise nach London, wo sie mit einem Kollegen vom Royal Court Theatre verabredet ist. Der ist an Selmas Sarah-Kane-Projekt erwartungsgemäß mäßig interessiert, die Heldin taumelt weiter orientierungslos durch die Stadt. Sie gerät zufällig in einen Aktzeichenkurs (als Modell!), in das Konzert einer Frauenpunkband (The Singing Tampons!) und schließlich in einen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2012
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Wolfgang Kralicek
Ferner ist keiner. 200 Jahre ist Kleist nun tot, ein Doppelselbstmord am Wannsee von einem, «dem auf Erden nicht zu helfen war». Radikaler, unversöhnter mit dem Relativierenden des alltäglichen Lebensvollzugs in der «gebrechlichen Einrichtung der Welt» als Kleist war keiner unserer Klassiker. Im Zeitalter von Ironie, achselzuckendem Laissez-faire und ideologischer...
Der Punk ist ein tragischer Parasit; er schnorrt den an, den er eigentlich verachtet: den Bürger. In Oliver Klucks neuem Stück, das freilich ohne brennende Mülltonnen und gepiercte Oberlippen auskommt, steckt das Punkige allein in der Machart: Der Schnorrer ist der Autor selbst, und der, dem er auf die Pelle rückt, ist Stefan Aust.
Der Spiegel-TV-Gründer tritt bei...
Neulich rief ein Intendant beim polnischen Nachwuchsdramatiker Michal Walczak an. Das Theater wolle seine schwarze Komödie «Elchjagd» spielen. Und man habe auch schon eine gute Idee, das Stück umzuarbeiten. Der Elch sei ja eher der Typus eines einsamen Tieres, «für das Stück wäre ein Tier besser, das sympathischer, familienfreundlicher ist ... Wir könnten aus der...
