Wiedergeburt aus dem Kaffeesatz
Einen überraschenden Ausgang nahm im Frühjahr 1903 der Prozess gegen die ledige Kindsmörderin Hedwig Otte im schlesischen Städtchen Hirschberg. Das Urteil lautete «nicht schuldig», und schuld daran war nicht zuletzt der Dichter Gerhart Hauptmann auf der Geschworenenbank, der für die Angeklagte plädierte. Noch im selben Sommer entstand das Schauspiel «Rose Bernd», Hauptmanns Gretchen-Tragödie, als genau beobachtete Gesellschaftsstudie über hochfliegende Mädchenträume, männlichen Wankelmut und die Grenzen des guten Willens in einer halbemanzipierten Kleinbürgerwelt.
Der Chemnitzer Schauspieldirektor Enrico Lübbe hat es jetzt am Bayerischen Staatsschauspiel nicht etwa als Kommentar zu aktuellen Kindsmordfällen, sondern als beinahe archaisches Drama über die verhängnisvolle Kollision von Wünschen und Ängsten auf die Bühne gebracht. Dass es für die Titelheldin abwärts gehen wird in den nächsten anderthalb Stunden, daran lässt schon der erste Moment dieser Inszenierung keinen Zweifel. Der kunstvoll arrangierte Parcours aus gefüllten Wassereimern auf schiefer Ebene ergießt sich samt Hauptdarstellerin mit markerschütterndem Schrei der ersten Zuschauerreihe beinahe bis auf den Schoß. Doch ...
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Seht euch diese Augen an, riesige Puppenaugen, die schläfrig, mild und traurig in die Welt blicken. Sie schauen aus riesigen Schwellköpfen, die die Figuren aus Lukas Linders «Die Trägheit» tragen, so dass der Rest ihres Körpers unverhältnismäßig klein und putzig wirkt, wenn sie etwa mit den Händen in die Luft greifen oder die Beinchen regen. Menschen am Rande des...
Es war 1998 in einer lauen Mainacht. Die Kastanienallee, damals noch hippe Ausgehmeile am Prenzlauer Berg, hatte sich zwischen drei und vier Uhr morgens geleert und lag still in der Morgendämmerung. Nur in der Volksbühnennebenspielstätte Prater kämpfte Christoph Schlingensief gegen den Schlaf seiner Gäste im «Hotel Prora», einer Wahlkampfstation seiner sehr realen...
An den Münchner Kammerspielen beginnt in Oktober nicht nur die neue Saison, sondern, mit Glück, eine neue Ära. Johan Simons eröffnet seine Intendanz mit einer neuerlichen Roman-Dramatisierung des «Hiob»-Autors Joseph Roth und begibt sich ins «Hotel Savoy» nach Lodz und ins Jahr 1919, auf dem Fuße gefolgt von Alvis Hermanis, den es mit Jack Londons Roman «Ruf der...
