Wenn die Welt im innersten zusammenfällt
Am Staatstheater Cottbus sitzt Doktor Heinrich Faust im anthrazitfarbenen Dreiteiler am Laptop und hackt missmutig «Habe nun, ach!» in die Tastatur. Der Brockhaus ist hier quasi längst digitalisiert: Statt Bücherwänden umgeben den ergrauten Akademiker lediglich kahle dunkle Wände; und was die Welt im Innersten zusammenhält, muss im Zweifelsfall das world wide web aus des Doktors Drucker ausspucken. Auch das miles-and-more-affine Rollköfferchen, mit dem Faust später an Mephistos Seite zur kleinen Weltenreise aufbricht, signalisiert: Dieser Mann ist up to date.
Da scheint sich der Befund des Regisseurs Christoph Schroth mit dem des Germanisten und Philosophen Michael Jaeger zu decken, der gerade einen Essay «zur Aktualität Goethes» veröffentlicht hat: «Global Player Faust».
Jaeger befürwortet darin nicht nur ausdrücklich die Kratzer, die Wissenschaft und Theater dem kanonisierten Bild vom schöpferischen Erkenntnisstreber in jüngster Zeit verpasst haben, sondern kanzelt «den vermeintlichen Heroen» unmissverständlich als «veritable Unglücksfigur» ab, in der sich Goethes Unbehagen an der Moderne flächendeckend Bahn breche. Schließlich lässt der Dramatiker dem anfänglichen ...
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