Welcome, Barbaren!
Besonders vertrauenserweckend sieht dieser Gerichtshof nicht aus: Die Toten und Erschlagenen des Stücks – Agamemnon, Kassandra, Klytämestra und Aigisth – kehren als blutverschmierte Gräuelleichen wieder, erklimmen ein mikrofonbestücktes Podium und bekommen von einer Elektra, die auch Pallas Athene sein könnte, vier kissengroße Richterperücken übergestülpt. Allerdings entpuppen sie sich weniger als die erhofften Gerechtigkeitsspender denn als Verfahrensspezialisten in eigener Sache.
Sie interessieren sich deutlich stärker für die Mineralwasserversorgung am Tisch als für die Verteidigungsrede des Orest, der für seinen Monolog vor den zerstreuten Oberrichtern dreimal neu ansetzen muss. Und als die vier auch noch ihre praktischen Richterhämmerchen gefunden haben, ist es mit der Konzentration endgültig vorbei. Erst zerdreschen sie lustig ein Wasserglas, dann das Verfahren. Bevor auch nur ein Stimmstein geworfen wird, ist das einseitige Erynnien-Plädoyer gegen Orest in ordentliche Rechtsform gegossen: «Für welchen Staat ist dieser Mann noch tragbar?»
Der letzte Vernunftoptimist: Peter Stein
Mit dieser kleinen Szene hat auch Regisseur Roger Vontobel im Essener Grillotheater Aischylos’ ...
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Es war einmal die Paradedisziplin von Botho Strauß: Paare in ihren nicht mehr ganz frischen Jahren, anmutig überkreuz oder nebeneinander verzwirbelt im Beziehungsdickicht der bundesdeutschen Achtziger. Saturierte Selbstbeobachter schlugen ihre vielfach gebrochenen Spiegelkabinette auf, sorgsam arrangiert vor tragisch mythischen Abgründen. Die Stücke entfalteten...
In knapp viereinhalb Minuten ist eine harmlose Freizeitaktivität in etwas Unbegreifliches umgeschlagen, und, so viel sei hier verraten, auch in den restlichen 78 Minuten wird der Zuschauer nichts Weiteres über die Beweggründe dieser seltsamen Tat erfahren.Wüsste man es nicht, man würde gewiss nicht vermuten, dass dieser still forschende, beinahe dokumentarisch...
Franz Wille Herr Hofmann, Sie kuratieren das renommierte Festival «Politik im Freien Theater», das im November in Köln stattfindet. Das fordert zwei Fragen heraus: Was ist Freies Theater, und was ist politisches Theater?
Rainer Hofmann Das versuchen wir herauszu-finden. Von den vier Worten «Politik im Freien Theater» weiß ich nur, was «im» heißt. Zu allem anderen...
