Chronik eines unangekündigten Todes

Drei junge Männer beim Handballspielen in einer Turnhalle. Flüchtige Blicke, verschwitzte Gesichter, ein Moment der Erschöpfung – oder etwa Lebensmüdigkeit? Die nächste Szene spielt bei fast völliger Dunkelheit. Drei Zigarettenpunkte leuchten und verglühen in der Schwärze. Dann sieht man, wie aus einem Kofferraum ein Staubsaugerschlauch geholt und mit Klebeband am Auspuff befestigt wird. Drei letzte Blicke im Inneren des Wagens und ein tiefer letzter Atemzug – so beginnt «März», das dieses Jahr in Locarno mit dem Preis für das beste Erstlingswerk ausgezeichnete Film­debüt des Dramatikers Händl Klaus.

In knapp viereinhalb Minuten ist eine harmlose Freizeitaktivität in etwas Unbegreifliches umgeschlagen, und, so viel sei hier verraten, auch in den restlichen 78 Minuten wird der Zuschauer nichts Weiteres über die Beweggründe dieser seltsamen Tat erfahren.Wüsste man es nicht, man würde gewiss nicht vermuten, dass dieser still forschende, beinahe dokumentarisch anmutende Film vom Autor hochartifizieller Sprach-Spiele wie «Dunkel lockende Welt» oder des bei der diesjähri-gen Ruhrtriennale uraufgeführten, perfid-pädophilen Singspiels «Furcht und Zittern» ist (s. S. 32f.

in diesem Heft).
 

Eine wahre Geschichte

Und doch lauert auch hier ein typisch Händlscher Abgrund, ein wucherndes Geheimnis, das sich wie ein Rhizom durch das ganz normale Leben in einem Tiroler Dorf frisst. Für sein erstes abendfüllendes Filmprojekt, für das er als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent in Personalunion einsteht, hat sich Händl gleich einen Höchstschwierigkeitsgrad vorgenommen: Erzählt wird eine wahre Geschichte, die in ihrem Kern keiner kennt und die sich vor 15 Jahren in einem Dorf in Südtirol zugetragen hat. Es gibt keinen Abschiedsbrief, keine erkennbaren Probleme oder Konflikte, die ein Motiv ...

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