Weimar: Die Kolonialisten
Wie lassen sich zwei Zipfel Theatergeschichte zu einem zeitgenössischen Unterhaltungsabend verknoten? Angestrengt sächselnd zwängt sich Nadja Robiné in den Fahrstuhl nach Peru, also in Heiner Müllers Ausbruchs-Fantasie eines zentraleuropäischen Bürokraten (alias der «Mann im Fahrstuhl»). Es ist das Intro zu diesem Doppelabend von Christian Weise im Weimarer E-Werk, der Müllers karibische Revolutionärstragödie «Der Auftrag» (von 1979) mit Johann Nestroys Südseeschwank «Häuptling Abendwind oder das gräuliche Festmahl» (von 1862) kombiniert.
Man bräuchte schon eine gute Regie-Idee, um diese beiden vor Exotismus strotzenden Werke einem heutigen Publikum anzuempfehlen. Vor einer potemkinschen Theaterfassade mit einem Südseepanorama wie von Gauguin lässt Weise sein Ensemble den burlesken Plot durchalbern: Kannibalen-Häuptling Abendwind empfängt seinen Gast Häuptling Biberhahn (dem er unlängst erst die Frau weggefuttert hat – so wie dieser ihm die seine). Und weil sonst nichts Rechtes fürs Menü vorrätig ist, soll sein Koch kurzerhand einen eingewanderten Europäer kredenzen, der sich soeben noch heimlich in Abendwinds Tochter Atala verliebt hatte und sich obendrein als Sohn von Biberhahn ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Februar 2019
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Christian Rakow
Vollendeten Lektürespaß, gibt der Kölner Intendant Stefan Bachmann in einem Gespräch mit «Deutschlandfunk Kultur» zu Protokoll, hatte er bei «Schnee Weiß (Die Erfindung der alten Leier)» nicht. «Das Lesen von Jelinek-Stücken hat fast was von Folter», gestand er im Vorfeld seiner Ur-Inszenierung der jüngsten Literaturnobelpreisträgerinnen-Textfläche sympathisch...
Pinkfarbene Wolken, stahlblauer Himmel, Modellhausfassaden, die betont kulissenhaft ins Bild ragen, Interieurs wie aus einem Bühnenbild von Susanne Kennedy: Realismus regiert definitiv nicht in Lola Randls Komödie «Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer». Eine Mischung aus Truman-Show und Jacques-Tati-Reminiszenz bildet den blitzeblank-bonbonbunten...
Das fing doch gut an. Erst gab es Proteste, weil Milo Rau dem zwölfköpfigen Ensemble des traditionsreichsten Theaters des flämischen Belgiens kündigte – das letzte seiner Art, durchbezahlt trotz dreijähriger Schließung wegen Renovierung. Rau will, um das siebte Gebot seines Genter Theatermanifests zu erfüllen («mindestens zwei der Darsteller auf der Bühne dürfen...
