Wehe, wenn sie losgelassen
Woyzeck in Weimar, ausgerechnet. Zwar nicht im repräsentativen Nationaltheater unmittelbar im Rücken der großen Bronze-Klassiker Goethe und Schiller, sondern fünf Minuten entfernt im E-Werk: einer dieser zahllosen malerischen Ziegelbauten aus der industriellen Moderne, die mittlerweile als Romantikhotels für die (darstellenden) Künste eine neue Bestimmung gefunden haben.
Wer passt besser dorthin als ein anderer historischer Fall aus einem arbeitsreichen Leben, Büchners armer Soldat, der seine Geliebte mordet, weil ihm die Bürgerwelt keinen anderen Weg aus der Verzweiflung lässt?
So jedenfalls geht die kanonische Deutung der sozialgeschichtlichen Interpretation: Der Täter Woyzeck ist das Opfer seiner Verhältnisse, der Mörder ein Getriebener seiner Unterdrücker. Die Preisfrage an jede Inszenierung: Wie zwingend kann sie in einem Eifersuchtsmord ein soziales Drama zeigen? Wie (un)frei ist dieser Woyzeck wirklich?
Zirkus Woyzeck
Steffi Wurster hat in die weite Halle ein paar weiße Pressspan-Buden, -Verschläge und -Podeste gebaut: eine etwas sterile Jahrmarktslandschaft, die bruchlos in rechteckige Wohnsilo-Architektur überblendet. Darin wird man als Publikum zu Beginn zehn Minuten ...
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Theater heute August / September 2010
Rubrik: Aufführungen/Neue Stücke, Seite 50
von Franz Wille
Die, der, und, in, zu, den, das, nicht» … exakt einhundert deutsche Worte machen circa fünfzig Prozent unseres Alltagswortschatzes aus. In Lukas Bärfuss’ Schauspiel «Öl» übt Eva Kahmer, die ihrem von der
Ölsuche besessenen Mann in eine entlegene Region Europas gefolgt ist, diese sinnlos aneinandergereihten Wörter in verbissener Unnachgiebigkeit mit Gomua, ihrer...
Das Theater und sein Publikum haben ihr Verhältnis bis dato über Komplementarität stabilisiert: Der Schauspieler spielt, der Zuschauer schaut. Jetzt scheinen wir in eine Phase einzutreten, die auf Homogenität als stabilisierenden Faktor setzt: Wir da oben und ihr da unten sind gleich; wir sprechen die gleiche Sprache, erzählen uns gegenseitig unsere Geschichten –...
Idealtypischer könnte so ein Tag in Wiesbaden kaum enden. Da kommt man von einem spätnachmittäglichen Ausflug von der russisch-orthodoxen Kapelle auf den begrünten Hängen des Nerobergs zurück zum alten Kurzentrum mit seiner klassizistischen Spielbank, in der schon Fjodor Dostojewski den einen oder anderen Rubel verjubelte. Und gleich nebenan im Staatstheater geht...
