«Was läuft schief? – Alles!»

Wer sich in die weißrussische Theaterszene begibt, braucht kundige Führer: Eindrücke vom Minsker Festival «Belarus Open»

Theater heute - Logo

In einer charmant abgerockten Fabrikhalle in der szenigsten Gegend von Minsk sitzt ein nackter, rot bemalter Endvierziger und verspeist in hoher Frequenz gebratene Hühnerschenkel. Falls er den kleinen Geflügelberg, der sich da auf dem Tisch vor ihm auftürmt, tatsächlich aufessen wollte, hätte er ziemlich Menschenunmögliches vor.

Um eine Mission impossible scheint es dem verzehrfreudigen Künstler Konstantin Muzhev, den das Programmbuch als «Performer mit skandalösem Ruf» vorstellt, allerdings nicht zu gehen.

Muzhev, der – so der Begleittext weiter – «vor allem für seine Gewohnheit bekannt» sei, «nackt aufzutreten», hat offenbar einfach Spaß daran, mit dezidiert unkontrollierten Bewegungen ein paar leidlich abgenagte, in Ketchup getränkte Hühnerknochen ins Publikum zu werfen, das im Halbkreis um den Geflügeltisch steht und im Übrigen eher halbherzig-gemächlich und durchaus teilamüsiert die Flucht ergreift als irgendwie panisch oder schockiert.

In der Fabrikhallenmitte scheint sich indes tatsächlich Spektakuläreres anzubahnen. Ein an einem Stahlträger abgeseilter Mensch in feuerfestem Ganzkörperanzug, Gesichtsmaske inklusive, schwingt sich werkvorbereitend in eine Art ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2018
Rubrik: International, Seite 31
von Christine Wahl

Weitere Beiträge
Theatertreffen: Imposante Spannweite

Wer glaubt, es sei die reinste Freude, den sogenannten zehn «bemerkenswertesten Inszenierungen» Gold­medaillen umzuhängen und Blumensträuße in den Arm zu drücken, täuscht sich. Denn für fast jede, die man aufs Treppchen bittet, muss eine andere verstoßen werden. Und das macht keinen Spaß. Dieses Jahr besonders wenig, denn kein Mitglied der im Regelfall gespaltenen...

Von Gleichen und Gleicheren

Ein Mann kommt abends zur Tür herein, zurück in den Schoß der Kleinfamilie, und sieht sich selbst am Tisch sitzen. Verständlicherweise reagiert er nicht gerade begeistert, zumal die Restfamilie so tut, als wäre alles in Ordnung. So beginnen spätestens seit der Romantik Identitätskrisen, die den scheinbar festgefügten Alltag aus den Angeln heben. Bald werden sich...

Dramatischer Suchtstoff

Du bist wirklich verrückt geworden, Alfred», diagnostiziert Charlotte absolut zutreffend und klingt dabei eher zoologisch interessiert als irgendwie aufgebracht. Chapeau: Schließlich befindet sich die Mittvierzigerin mit ihrem Gatten auf dem Rückweg ins Hotel nach einem Dinnerausflug, in dessen Verlauf der Inhalt (mindestens) eines Rotweinglases in ihrem Gesicht...