Von Gleichen und Gleicheren
Ein Mann kommt abends zur Tür herein, zurück in den Schoß der Kleinfamilie, und sieht sich selbst am Tisch sitzen. Verständlicherweise reagiert er nicht gerade begeistert, zumal die Restfamilie so tut, als wäre alles in Ordnung. So beginnen spätestens seit der Romantik Identitätskrisen, die den scheinbar festgefügten Alltag aus den Angeln heben. Bald werden sich noch andere Ichs verdoppeln, irgendwann wird sich die Wirklichkeit in Traumwelten auflösen, die Zeit wird fliegen, die Perspektiven tanzen, der Verstand dankt ab, die scheinbar sicher gefügten Realitäten lösen sich auf.
So jedenfalls bei E.T.A. Hoffmann, der ein Meister solcher Erzähltricks war, um damit sein Biedermeier aus dem Restaurations-Sofa zu wirbeln. Auch Botho Strauß, der literarische Zauberlehrling der bleiernen Vorwende-Bundesrepublik, hat sich später immer wieder gerne der alten Kniffe bedient.
Und Roland Schimmelpfennig? In «Der Tag, als ich nicht ich mehr war» greift er sich zwar das gute alte romantische Doppelgängermotiv. Erst verdoppelt sich der Mann, und keiner merkt es, dann merken es die anderen und er nicht, dann verdoppelt sich die Frau und es kommt zum Identitäts-Vierer mit wechselseitigen ...
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Theater heute März 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Franz Wille
Manchmal passt alles fast zu gut zusammen: ein rotgoldener Logentraum von einem Rokoko-Theater, ein Stück aus eben jener Epoche, in dem es um ein maliziöses Menschenexperiment über die geschlechtsspezifische Schuldverteilung am Sündenfall der Untreue geht, und ein begnadeter Puppenspieler unserer Tage. Der österreichische Tausendsassa Nikolaus Habjan hat im...
Die österreichische Erstaufführung von «Homohalal» beginnt damit, dass sich der Schauspieler Johnny Mhanna vorstellt. Er stamme aus Damaskus und sei 2015 über die Türkei, Griechenland, Serbien und Ungarn nach Österreich geflüchtet. «In zweieinhalb Jahren in Österreich habe ich in 14 Theaterproduktionen gespielt. Ich bin voll ausgebucht», sagt er. «Jedes Theater in...
black snow falls
aus den notizen einer anonymen klimaforscherin
(spätes zwanzigstes jahrhundert)
zur besetzung freigegeben sind
ein singender Kondukteur
zwei chinesische Wanderarbeiter
eine handvoll Passagiere
Marianne Sonja Doris Fred Martin
und ein
ausgebrannter Chor im ewigen ice der
Spätmoderne
den man
so die empfehlung des verfassers
durchweg als kinderchor
besetzen...
