Was gewusst werden muss
Selten war dokumentarisches Arbeiten am Theater so wichtig und richtig am Platz wie im Fall von «Urteile» von Christine Umpfenbach und Azar Mortazavi. Bereits 2014, ein Jahr nach Beginn des NSU-Prozesses im Marstall des Münchner Residenztheaters uraufgeführt, hatte im Herbst 2021 am gleichen Ort die um Reaktionen auf die Urteilsverkündung erweiterte Fassung unter dem Titel «Urteile (revisited) – Nach dem Prozess» Premiere.
Der Text basiert auf Gesprächen, die Umpfenbach mit Angehörigen, Freunden und Kollegen der beiden Münchner NSU-Opfer, Habil Kilic und Theodoros Boulgarides, aber auch mit einer Journalistin, einem Polizeireporter, der Schuldirektorin und Rechtsanwälten geführt und im Nachgang zusammen mit ihrer Co-Autorin Mortazavi behutsam bearbeitet und zu einem stringenten Ablauf collagiert hat.
Dabei werden nicht nur die persönlichen Auswirkungen des skandalösen Behörden- und Medienversagens während der Ermittlungen beleuchtet, sondern auch den doppelt Leidtragenden aus dem nahen Umfeld der Opfer erstmals Gehör in der Öffentlichkeit verschafft, wie es bisher so nicht geschehen war: auf Augenhöhe, mit Respekt und Einvernehmen und gleichzeitig geschützt durch eine ...
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Theater heute Februar 2022
Rubrik: Der NSU-Komplex, Seite 44
von Silvia Stammen
Ein weißer Raum voller Gläser, Teller, Schüsseln, Tassen, Besteck, teils ausgepackt, teils noch in Papier gewickelt und Kisten verpackt: Schon vor einigen Jahren hat Regisseur und Autor Hakan Savas Mican bei einem der Herbstsalons des Berliner Gorki Theaters eine Installation eingerichtet, die von seiner Familiengeschichte erzählte. Eine veritable Aussteuer hat...
Mit Skandalen ist es so eine Sache, vor allem mit den bestellten. Nach der beabsichtigten Sprengwirkung fehlt es mitunter am feinen Gerät, um den Schutt zu sieben und zu sichten, nicht zuletzt auf mögliches Material für weiterführende Diskurse. Sonst bleibt es bei der großen Geste der Empörung – und bei den Misthaufen, die sich die Kontrahenten gegenseitig...
Mit dem Kapitalismus ist das so eine Sache, findet der Autor im senfgelben Anzug. Er ist überall, und trotzdem kann man ihn nicht sehen. Er hat allerlei Dreck am Stecken, und doch gibt es kein Außen mehr – und also keinen Ort, von dem aus Kritik möglich ist. Wie also ein Theaterstück darüber schreiben? Nis-Momme Stockmann, der unmittelbar nach seinem Erstling «Der...
