Was fehlt?
Diebe der Zeit
Alexander Giesches Visual Poem zu Michael Endes «Momo» in Zürich
Je langsamer du gehst, desto schneller kommst du voran, sagt die Halbstundenprophetin Kassiopeia bei Michael Ende. In Zürich ist die Schildkröte ein ausgesprochen niedlicher Roboterhund, der sich nahtlos zwischen virtuellen Welten und dem Bühnenuniversum zu bewegen versteht, die Zuschauer:innenherzen fliegen ihm zu. Der Weg ist das Genießen: wie beim Straßenkehren.
Die Geschichte von den Zeit-Dieben und dem Kind Momo, das die gestohlene Zeit zurückbringt, wird in Alexander Giesches «Visual Poem» aller digitalen Affinität zum Trotz aber nicht zur Metapher auf Metaverse oder Zeitsparkassen-Agenten aus dem Silicon Valley. Auf der Hand liegende Interpretationshilfe bietet dieser Abend so wenig wie narrativen Saaldienst. Stattdessen: Ausflüge in Gestaltungsräume digitaler und analoger Natur, als Performance und als Zeitvertreib, und immer mit deutlichem Bewusstsein für seine Mittel.
Da gibt’s für die Technik – die sich mit Bildschirmen und Mischpulten vor dem ersten Tribünenrang aufreiht wie in einem zeitgenössischen Orchestergraben – auch mal Pancakes, frisch gebacken vom Ensemble, wahlweise mit ...
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Theater heute Mai 2023
Rubrik: Best of, Seite 30
von
Es gibt wenige Stücke, mit denen man so wunderbar klarmachen kann, was man sich von der Theaterkunst erhofft, wie Anton Tschechows «Die Möwe» (von 1896). Schließlich kreist die Handlung um einen geradezu exemplarischen Dichterwettstreit: Da haben wir auf der einen Seite den ambitionierten Jungdramatiker Kostja, der sich als flammender Visionär und...
Seine Zeit ist vorbei. Wortlos sitzt ein grau angezogener Mann (Ekkehard Freye) zwischen Zimmerpflanzen in einem gediegen nussbraun vertäfelten Zimmer. Über ihm hängt ein Bild der Heiligen Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, neben ihm ein Arbeitshelm an der Wand: Einst war er stolzer Kumpel der Zeche Prosper Haniel. Vor ihm stehen Blumentöpfe, die er still...
Und wenn es nun in dieser Minute geschlossen gewesen wäre, darum also hätte ich gelebt?», räsonniert Heinrich von Kleist in einem Brief, den er am 18. Juli 1801 unmittelbar nach seinem «spektakulären» Kutschen-Unfall auf dem Butzbacher Marktplatz schrieb, über sein Leben. «Das hätte der Himmel mit diesem dunkeln, rätselhaften, irdischen Leben gewollt, und weiter...
