Wann ist Leben lebenswert?
Einatmen. Ausatmen. Atmen.
Die Sauerstoffaufnahme ist der Kern der Überlebensperformance. Ganz in weiß erscheint diese Frau im Rollstuhl, nur ihre Fingernägel blitzen rot lackiert: Maria-Cristina Hallwachs, halsabwärts gelähmt seit einem jugendlich übermütigen Sprung in ein Nichtschwimmerbecken. Atmen kann sie nur dank eines Zwerchfellstimulators. Angesichts ihres maschinell gesteuerten Luftholens fühlt sich auch das eigene Atmen plötzlich fast unnatürlich an.
«Wir fangen mit dem Ende an», sagt Hallwachs, freundlich in die Runde blickend, um dann nüchtern aufzuzählen, wie schnell der Tod sie erreichen kann: In fünf Wochen, wenn keiner sie bewegt. In drei Tagen, wenn sie niemand versorgt. In fünf Stunden, wenn die Batterien ihres Zwerchfellstimulators versagen. «Ich bin 38 Jahre alt und anfällig für den Tod», sagt sie und lächelt.
Überraschend unzynisch wird dieser ganze Abend verlaufen. Nonchalant berichtet Hallwachs vom Aufwachen in einem Krankenhaus in Tübingen, wo sie eine kleine Sensation ist – die erste Patientin, die einen Genickbruch überlebt. Zwanzig Jahre später sitzt sie auf einer Bühne des Stuttgarter Schauspiels, die ihr die Theatermacher von Rimini Protokoll ...
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Theater heute August/September 2013
Rubrik: Chronik: Stuttgart, Seite 61
von Kristin Becker
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