Wahrheit und Lüge
Jacob McNeal ist das Paradebeispiel für den sprichwörtlichen alten weißen Mann und ein Prototyp für eine heute zunehmend als toxisch gebrandmarkte Männlichkeit. Diese mag zwar im Aussterben begriffen sein, ist aber immer noch voller Schaffenskraft und für – auch positive – Überraschungen gut.
Jacob McNeal entspringt der Fantasie des Autors Ayad Akhtar, der ihn uns als berühmten US-amerikanischen Schriftsteller Ende 60 vorstellt, ein kluges und durchaus charmantes Arschloch mit einem Alkoholproblem, ein Romantiker mit Charisma, eine ehrliche Haut, ein gebildeter, belesener Mensch mit ein bisschen ungehobelten Manieren. Als Jugendlicher hat McNeal auf dem Ölfeldern in Texas geschuftet und sich im Laufe des Lebens seine Bildung, seine Sprachmacht und seinen Erfolg hart erarbeitet. Ohne Rücksicht auf Verluste hat er sich, seine Beziehungen und seine Gesundheit an die Kunst verschwendet. Sein Erfolg und die Ahnenreihe großer Autoren, in die er sich gerne einreihen möchte, geben ihm recht.
Doch jedes Jahr im Oktober hat Jacob McNeal eine schwere Zeit. Im Oktober hat sich vor Jahren seine Ex-Frau umgebracht, wofür er sich diffus mitschuldig fühlt, und jedes Jahr im Oktober verkündet die ...
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Theater heute Jahrbuch 2024
Rubrik: Neue Stücke, Seite 143
von Karla Mäder
Ein nebliger Abend im Advent des Jahres 1938 an der deutschen Küste, nahe einem großen Hafen. Die Angst kommt mit der Kälte des Wassers und der Dunkelheit des Meeres. Unter 10° Celsius entspricht die Chance zur Selbstrettung dem Wert der Wassertemperatur in Minuten, besagt eine Faustregel unter Seeleuten. Verschwindend gering ist die Wahrscheinlichkeit, unter...
Wenn Wände sprechen könnten, dann würden sie in einem Altbau Geschichten von zahlreichen Menschen erzählen, die aus den verschiedensten Gründen kamen und gingen und sich in ihren Wohnungen in unterschiedlichen Sprachen unterhielten. Ein Umstand sorgt für besonderen Gesprächsbedarf in dem Altbau, den Raphaela Bardutzky zum Schauplatz ihrer «Schaueroper» gemacht hat:...
Wann haben Sie sich zuletzt so richtig geärgert, und warum? Nichts leichter, als diese Frage zu beantworten, dachte ich zuerst, und dann wurde es doch schwer, da ich mich im Theater ständig ärgere. Gerade kam ich an ein Theater als Gast zurück, in dem ich länger fest gearbeitet habe, und ein ehemaliger Kollege sagte zu mir, dass er meine Wut in den Sitzungen...
