Wahrheit und Lüge

Ayad Akhtar «Der Fall McNeal»

Theater heute - Logo

Jacob McNeal ist das Paradebeispiel für den sprichwörtlichen alten weißen Mann und ein Prototyp für eine heute zunehmend als toxisch gebrandmarkte Männlichkeit. Diese mag zwar im Aussterben begriffen sein, ist aber immer noch voller Schaffenskraft und für – auch positive – Überraschungen gut.

Jacob McNeal entspringt der Fantasie des Autors Ayad Akhtar, der ihn uns als berühmten US-amerikanischen Schriftsteller Ende 60 vorstellt, ein kluges und durchaus charmantes Arschloch mit einem Alkoholproblem, ein Romantiker mit Charisma, eine ehrliche Haut, ein gebildeter, belesener Mensch mit ein bisschen ungehobelten Manieren. Als Jugendlicher hat McNeal auf dem Ölfeldern in Texas geschuftet und sich im Laufe des Lebens seine Bildung, seine Sprachmacht und seinen Erfolg hart erarbeitet. Ohne Rücksicht auf Verluste hat er sich, seine Beziehungen und seine Gesundheit an die Kunst verschwendet. Sein Erfolg und die Ahnenreihe großer Autoren, in die er sich gerne einreihen möchte, geben ihm recht.

Doch jedes Jahr im Oktober hat Jacob McNeal eine schwere Zeit. Im Oktober hat sich vor Jahren seine Ex-Frau umgebracht, wofür er sich diffus mitschuldig fühlt, und jedes Jahr im Oktober verkündet die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2024
Rubrik: Neue Stücke, Seite 143
von Karla Mäder

Weitere Beiträge
Ein falsches Spiel

Nichts stimmt an dieser Geschichte. Nicht die Prophezeiung, dass Brunhild, die kampferprobte Königin von Island, und Siegfried, der Drachentöter aus Xanten mit dem magischen Schwert, der Nebelkappe, dem Nibelungenschatz und der gepanzerten Haut, für -einander bestimmt sind. Nicht die Werbung des burgundischen Losers König Gunter um die mächtige Brunhild. Nicht sein...

Hellwach oder Die Frage, was ein Wir macht

Die Ampel an der Kreuzung steht auf Rot. Ich texte in mein Smartphone: Und was, wenn die Geschichte mit einem Trigger beginnt?

Nein. Das geht auf gar keinen Fall. Meine Lektorin setzt zwei Ausrufezeichen dahinter, und ergänzt: Das triggert die Leute, die lesen dann nicht weiter.

Ich stehe am Abzweig zwischen Abwehr und Angriff. Am rechten Straßenrand stehen...

Polizeikontrolle – rein zufällig nur bei dir

Wien – heute – Zweitausenddreiundzwanzig. Arad Dabiris im Rahmen der Wiener Wortstätten entstandenes Stück kreist um einen konkreten Fall, der grundlegende Fragen aufwirft: Im Mittelpunkt steht ein junger Österreicher iranischer Abstammung, der – und das gehört zu den smarten Setzungen der Konzeption – auf der Bühne nicht selbst das Wort ergreifen kann. Denn er...