Wahres Glück für Außenstehende

Anton Tschechow «Platonow», Lola Arias «Familienbande»

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Es ist schon ein Kreuz mit dem Neuen Menschen. Er will und will sich nicht gelingen. Da hat sich wenig geändert, seit Tschechow 1880 mit Zwanzig sein wildes Erstlingsdrama ohne Namen für die Schublade zwar, aber auch als komplette Stoffsammlung für alle folgenden verfasste. Dennoch hat die verlotterte «Platonow»-Gesellschaft – abgesehen davon, dass alle auf Pump leben – nicht die frappante Aktualität späterer Tschechow-Stücke, die immer noch so präzise heutige Schmerzpunkte treffen.

 

 

Allzu gewaltsam wird Platonow als negative Heilsfigur aufgebaut, als Lebenslügendetektor, den (nicht nur) Frauen umschwirren wie Motten eine funzelige Straßenlaterne, und der dann doch keinen Mut hat zum Ausbruch aus dem Dasein als Dorfschullehrer im selbstgewählten Kleinfamilienkäfig. Trotzdem hat der ungekürzt kaum spielbare Text in den letzten Jahren eine späte Konjunktur erlebt. Erst wurde Felix Goeser als Kamikaze-Desillusionist im Wodka-Delirium in Stuttgart, inszeniert von Karin Henkel, Schauspieler des Jahres 2006, dann ließ Luk Perceval die abgebrochenen Lebensschienen auf dem Planet Platonow an der Berliner Schaubühne grandios ins Leere laufen.

 

Zur Zwischenspielzeiteröffnung an den ...

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Theater heute November 2009
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Silvia Stammen

Vergriffen
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