Vorteilsgemeinschaften
Zunächst sieht alles nach einem Druckfehler der Dramaturgie aus. Laut Stückeinführung spitze Regisseur Antú Romero Nunes Goldoni weiter zu und fordere Verwechslungen und Doppelbödigkeiten heraus, die durch «den Blick eines rein weiblichen Ensembles auf die männlichen Stereotype des 19. Jahrhunderts zusätzlich an Schärfe und Aktualität gewinnen». 19. Jahrhundert? Ungläubiger Blick ins Bücherregal: Goldoni lebte und schrieb wie vermutet im 18. Jahrhundert. Nun ja.
Von wegen Tippfehler.
Spätestens wenn Stefanie Reinsperger mit ihrem extraherzigen Einführungsmonolog als hungrige, frisch zugewanderte Arbeitssuchende fertig ist, wird die ganze Dimension der Ansage deutlich. Ein paar runzelige Ekelcowboys stehen im harten Licht der Prärie und keifen sich an. Nunes meint es offenbar ernst und verlegt das Plotgerüst von Goldonis «Diener zweier Herren» in einen detailverliebten Spaghetti-Western. Die glorreichen Vier an den rauchenden Colts haben so schlechte Plastikzähne in Mund, dass ihr rachenkrächzendes Englisch aus whiskyzerfurchten Kehlen nur in der deutschen Übertitelung zu verstehen ist, aber die Sätze sind so einfach, dass Mitlesen völlig ausreicht. Die Maskenabteilung des BE hat ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Februar 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Franz Wille
Sein größter Erfolg war «Totenfloß». Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl und einer Chemiekatastrophe bei Sandoz in Basel wurde es das Stück des Jahres 1986, bald von über zwei Dutzend Theatern gespielt. Vier körperlich und seelisch verkrüppelte Überlebende einer verstrahlten Landschaft, von der nur wenige bewohnbare Areale übrig geblieben sind, treiben auf...
Irgendwann setzte sich dann im Kreise der Berliner Bekannten die Redeweise durch: «Machen wir’s wie die Volksbühne?» Was ungefähr bedeuten sollte: Hauen wir nicht auf die Pauke, ducken wir uns weg, schlüpfen wir irgendwie durch. Nennen wir es «soft start». Das war nach dem dritten Monat, der auf einen viel zu stillen Sommer folgte, da man Premieren mit der Lupe...
Endlich alles gut in Damaskus. Der Bürgerkrieg überwunden, Schuldfragen und Rachepläne vergessen. Die Trümmerfrauen, oder wer immer hundert Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in Syrien dafür zuständig ist, haben die Bühne des Alltags klinisch gesäubert. Kaum ein Staubkorn zu sehen beim Ortstermin «Damaskus 2045» im Freiburger Kleinen Haus.
Es sind sogar wieder Museen...
