Vor den Vätern
Es liegt Mehltau über den Komödien unserer Tage. Ein Gefühl, dass unsere Vitalität schwindet. Die schönen Jahre der Friedensrendite sind vorüber, die billigen Kredite, das selbstvergessen unbeschwerte Wachstum. «Jetzt präsentiert uns der sogenannte Sozialismus / die Rechnung», heißt es im «Theatermacher» von Thomas Bernhard, «die Kassen sind leer / Europa ist kaputt / Es wird hundert Jahre dauern / bis das Ruinierte / wieder hergestellt ist.
»
Gewiss, «Der Theatermacher» stammt aus dem Jahre 1985, als Begriffe wie «Sozialismus» noch gebräuchlicher waren und auch noch etwas anderes meinten als das Für-jedes-Problem-gibt’s-einen-Doppelwumms, mit dem sich der Wohlfahrtsstaat heute von den Härten der härter werdenden Realität freikaufen will. Aber der leise Anklang an das «No Future» der 1980er, der in Bernhards Worten tönt, der ist doch beklemmend gegenwärtig in unserer Ära der Zeitenwende, da der Kalte Krieg als heißer zurückkehrt und das konsumistische Ideal der Globalisierungsjahre ausräuchert.
Entsprechend abgründig und eigentlich schon leicht gespenstisch sehen die Räume in zwei der wichtigen Komödien auf Berliner Bühnen in diesem Herbst aus. Ein doppelstöckiger, bordeauxroter ...
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Theater heute 12 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 9
von Christian Rakow
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