Von Rittern und Rebellen

Die DDR-Theater waren auf unterschiedliche Weise in die Friedliche Revolution involviert. Heike Müller-Merten war zu dieser Zeit Dramaturgin am Staatsschauspiel Dresden. Anhand von Archivmaterial von damals und Gesprächen von heute erinnert sie sich an Wendezeiten in Karl-Marx-Stadt, Dresden, Leipzig.

Theater heute - Logo

Der Rebell

Grün-lila-stichig flackert die digitalisierte Version eines 8mm-Films auf dem Bildschirm. Am trüben Himmel kreisen Hubschrauber. Passanten treten ins Bild; etliche von ihnen blicken misstrauisch in die Kamera. Mann trägt «Vokuhila» mit Schnauzbart, Frau Dauerwelle. Auf einem Parkplatz dösen Trabis. «Die Karl-Marx-Städter Innenstadt am 7. Oktober 89», flüstert die freundliche Archivarin im Lesesaal des Chemnitzer Stadtarchivs.

 

Bereitschaftspolizei zieht sich zusammen. Sporthochhaus, Thea­terstraße, Zentralhaltestelle.

Militärfahrzeuge werden in Stellung gebracht, LKW, Wasserwerfer. Der stumme Film suggeriert unheilvolle Ruhe. Ziel des Einsatzes ist ein Häufchen Demonstranten, vielleicht ein paar Hundert. Sie nehmen sich klein aus zwischen den klotzigen Bauten und dem schweren Gerät. David und Goliath. Von Seiten der stummen Protestler geht keine Gewalt aus. Sie werden auch das offizielle Volksfest nicht stören, das an der Karl-Marx-Büste, 200 Meter Luftlinie entfernt, seinen sozialistischen Gang geht. Aber die Räumung der Straßen und des Platzes vor dem mit Fahnen geschmückten Rathaus ist Befehl. «Die mit den Bauhelmen, die jetzt anrücken, das sind die Kampfgruppen ...» ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2009
Rubrik: 1989 – Glückliche Tage, Seite 6
von Heike Müller-Merten

Vergriffen
Weitere Beiträge
Galionsfigur der Krise


Wie wäre es, könnte man an dieser Stelle nicht nur von Plänen erzählen, sondern wüsste schon, wie das Stück und seine Inszenierung würden? Wäre das wünschenswert? All die kühnen Ideen, Hoffnungen und Projekte blühen doch am buntesten in der Vorstellung. Es ist die Lust am Risiko und, allen Einwänden zum Trotz, der Wunsch, das Theater, die Kunst einmal mehr auf die...

Die Dramatiker des Jahres

In Elfriede Jelineks Texten reden sich die Leute zuverlässig um Kopf und Kragen. Besonders, wenn sie sich Mühe geben, nichts Falsches zu sagen. Aber was soll man in «Rechnitz (Der Würgeengel)» über ein Massaker an 180 Juden und anschließende Jahrzehnte des Totschweigens auch Richtiges sagen? 

In Dennis Kellys Texten dagegen kommt für das Zuschauerauge kaum jemand so...

Die Inszenierung des Jahres

Jürgen Gosch hat – außer auf direkteste Nachfrage – nie öffentlich über seine Krebserkrankung gesprochen. Im Juni ist er gestorben, kein halbes Jahr nach der «Möwe»-Premiere. Michael Eberths Probennotate geben Einblick in eine außergewöhnliche Theaterarbeit.