Vom langen Lied des Horrors
Vom Ehrenbreitstein, also von hoch oben aus gesehen, scheint unten am Rheinufer im Großenganzen alles in Ordnung: Der Intendant macht gängiges Programm, sein teuer renoviertes Theater, eine historische Kostbarkeit, ist beliebt in der Stadt. Und zum Start in die neue Saison gibt’s ganz gutbürgerlich und massenkompatibel das große Format, klassisch. Auch die dritte «Macbeth»-Vorstellung riss das zahlreich erschienene Publikum, wie man stolz verbucht, zu Beifallsstürmen hin. Theaterliebe! Bei der griffigen Werkeinführung im Foyer blieb selbstverständlich kein Stuhl unbesetzt.
Bildungsbeflissenheit.
Die Zuneigung der Leute zu ihrer mit Lust, Fleiß, Tapferkeit betriebenen örtlichen Schau– bühne (gerade mal wieder droht eine Etatkürzung) scheint unerschütterlich. Gut so! Und des rührigen Intendanten Markus Dietzes «Macbeth»-Inszenierung könnte durchaus zeitgemäß gedacht sein.
Freilich, allzu oft schon sahen wir das rabenschwarze Endspiel ziemlich bunt: versplattert, verslapstickt, ironisch verspaßt und lustig verschoben in Kleinbürgerhöllen oder Mafiamilieus. Nicht so bei Markus Dietze. Bei ihm herrscht klassisch Krieg. Aber: Er lässt einfach nicht das schlimme Lied singen vom ...
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Theater heute Januar 2012
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Reinhard Wengierek
Der Punk ist ein tragischer Parasit; er schnorrt den an, den er eigentlich verachtet: den Bürger. In Oliver Klucks neuem Stück, das freilich ohne brennende Mülltonnen und gepiercte Oberlippen auskommt, steckt das Punkige allein in der Machart: Der Schnorrer ist der Autor selbst, und der, dem er auf die Pelle rückt, ist Stefan Aust.
Der Spiegel-TV-Gründer tritt bei...
Jean Genets Reaktion auf die Uraufführung 1957 am Londoner Arts Theatre legt nahe, dass Peter Zadek damals ziemlich prall und heftig inszeniert haben muss. Der Regisseur, so Genet, habe weder den Geist noch den Text des Stückes geachtet, und überdies erwecke die Inszenierung den Eindruck, er, also Genet, «sei ein Skandalmacher und Pornograf». Donnerwetter, kann...
Freies Theater» war mir lange eine eher Beklemmung auslösende Kategorie aus der Vergangenheit. Ich denke vor allem zurück an viel Unfreiwilligkeit. An Instandbesetzung und Beharrungsvermögen, an sehr lokale Phänomene unterhalb des Tellerrands, an basis–demokratische Gruppen mit der charmant-militanten Ausstrahlungskraft von Stadtteil- und Soziokulturprojekten. War...
