Vom Halbfertigen, Zusammengestellten
Matthias Günther ist wahrscheinlich der jugendlichste Endfünfziger im deutschsprachigen Dramaturgenkreis. «Wenn ihr nach unten scrawlt …», verhaspelt er sich im elektronischen Programmheft zu Charlotte Sprengers Inszenierung von Wolfram Lotz’ «Die Politiker» am Hamburger Thalia Theater, dann korrigiert er sich, «wenn ihr nach unten scrollt, findet ihr einiges, was ganz informativ sein könnte», und dass der Versprecher nicht gelöscht wird, sagt schon etwas aus über den Zugriff, mit dem das Thalia die Produktion angeht.
Das digitale Programmheft ist ein Instagram-Feed, den Günther angelegt hat, und so innovativ das formal ist, so unspektakulär ist es inhaltlich: Es gibt Infos zum Stück, Interpretationen, Biografien der Schauspieler*innen, genauso wie in jeder gedruckten Broschüre. Aber immerhin ist die Präsentation hübsch aufbereitet, nicht übertrieben professionell, doch mit einem klugen Gespür für die ästhetischen Eigenarten des Netzformats. Und vor allem: nah an der künstlerischen Sprache Sprengers.
Auch diese Premiere ist zunächst nur als Stream zu sehen, verschärft durch die Tatsache, dass das Thalia mit dem Format Theaterstream merklich fremdelt – im zweiten Lockdown ...
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Theater heute Juli 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Falk Schreiber
Ostdeutschland, Sorgenland. Vor jeder Landtagswahl geht das Bibbern los, dass die parlamentarischen Verhältnisse nicht zu weit nach rechts abrutschen. Mit jedem Wendejubiläum werden die Wunden hergezeigt: die Entvölkerung, die Rodung der einstigen Wirtschaft, das andauernde Gefühl, mit dem Mauerfall einen kolonialen Akt der Umwertung aller Werte und Strukturen...
Das Statement, das die international bestens vernetzte Kuratorin Marina Davydova dem Russian Case des Festivals Goldene Maske vorausschickte, formulierte in voller Absicht eine Polemik: «Bei der Auswahl der Produktionen habe ich mich von nichts anderem als von ästhetischen Kriterien leiten lassen», erklärte sie. «Während in Russland – wie überall auf der Welt – die...
Langsam, sehr, sehr langsam lässt das Blendlicht locker. Dann ein Cut to black. Und in der nächsten Sekunde ploppt vor den Augen des Publikums in der Kaserne Basel ein klinisch nackter Raum auf. Ein hübscher optischer Trick. Man sieht: leere Wände, ein Bett, ein portables Soundsystem, Getränkedosen, Süßkram. Dazu sieben Teenager-Dummys, die lebensechte Ausführung....
