Vom Elfenbeinturm in die Fankurve
Eine Jugendliche zerfetzt eine blutige Babypuppe. Ein geistig Behinderter holt fröhlich sein Gebiss heraus. Eine alte Frau erzählt von ihrem besten Orgasmus. Eine Fee bringt eine echte Torte. Ein Zuschauer muss Ikeamöbel testen. Eine Skaband sitzt im Orchestergraben, und Familie Schroffenstein hat Kapuzenpullis an. Das sind Szenen aus «Heimspiel»-Produktionen aus der ganzen Republik.
Der Anfang war in München, dort wurde vor vier Jahren der als sozialer Problembezirk gehandelte Stadtteil Hasenbergl für das Theater entdeckt: Wochenlang besetzten Jugendliche vom Bergl die Kammerspiele, spielten Theater und feierten wilde Partys. Das Projekt «Bunnyhill» schlug damals hohe Wellen. Das Theater war aus seinem Elfenbeinturm geklettert und mit der Stadt in einen heißen künstlerischen Dialog getreten. Es hatte ein Publikum erreicht, das sonst nie dort zu sehen war, erzielte pädagogische Effekte und war zu einem Kunstprojekt geworden.
Aus dem Geist von «Bunnyhill» entwickelte die Kulturstiftung des Bundes (KSB) den «Heimspiel»-Fonds. Durch den Fonds werden Stadttheater-Projekte gefördert, die sich mit der urbanen und sozialen Realität der Stadt und ihrer Bewohner auseinandersetzen und zum ...
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Als kehre man in dunkle Vergangenheit zurück. Sauber gefegt der raue Zementboden, düster die Silhouetten der Turbinen und Schwungräder. Nette Sprüche an den Wänden mahnen zur Umsicht im Umgang mit Maschinen: «Denken kannst nur du allein!» Und dann dieser Geruch, so ein Gemisch aus Eisen, Rost und Schmieröl. Hier also geht es um Theater? Theater, Show, ein Event –...
Seit Detlev Bucks «Wir können auch anders» (1993) haben jedenfalls viele Filmemacher ihre Westernsehnsucht im deutschen Nordosten ausgetobt, zuletzt Pepe Planitzer (Jahrgang 1969), dessen «Alle Alle» (2007) jetzt in die Kinos kommt. Das Drehbuch geht auf Oliver Bukowskis Theaterstück «Burnout» von 1992 zurück: verrückte Zeiten, damals kurz nach der Wende. Und es...
Juchzen ist verräterisch. So ein Urlaut aus tiefster Kehle enttarnt den bravsten Jüngling als Seelenverwandten brünftiger Rothirsche. Urs Peter zum Beispiel, ein blonder Mittdreißiger, hätte sich ebenso gut den Sommeranzug vom fülligen Wohlstandsleib reißen und den Fellschurz entblößen können. Aber nein, er steht starr an der Rampe und juchzt. Das passt zum Sujet...
