Vereint getrennt
In der Saison 2022/23 war der Schriftsteller Dmitrij Gawrisch Hausautor bei den Bühnen Bern. Damals hat er Ibsens «Volksfeind» überschrieben: aus der Perspektive einer antretenden Generation, die das toxische Erbe ihrer Vorgänger übernehmen muss (s. TH 3/23). Tochter Petra, gewöhnlich nicht so im Vordergrund, wurde zur modernsten Figur des Dramas, übernahm kommentierende Vermittlerfunktion zum Publikum und hielt in einer schönen Erfindung, abweichend vom Original, am Ende des Tages die Aktien des vergifteten Kurbads in ihrer Hand.
Was nun? Das Kind war verknurrt, den Schlamassel auszubaden, den die Elterngeneration angerichtet hatte. Am Theater Bern ist im Rahmen des Förderprogramms «Stücklabor» auch der Bühnentext entstanden, der gleichermaßen die umgekehrte Perspektive einnimmt, den Blick der Eltern auf ihr Kind, allerdings bei unveränderter Grundkonstellation. Der Erwachsenenblick reicht über den eigenen Nabel nicht hinaus; das Kind ist das Leidtragende. Mit etwas Verspätung erfolgte im März die Uraufführung: «Die Dampfnudel – Eine Patchwork-Komödie». Zu den Gründen für die Verspätung ist im Programmblatt eine hübsche Mail des Autors abgedruckt. Darin steht unter anderem: «… ...
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Theater heute Juni 2024
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Andreas Klaeui
Ein Sarg. Und ein Grab. Zwei Orte der Begegnung mit den Eltern, zwei Orte der Erforschung ihrer Lebensgeschichten in und für Deutschland (wie so viele Berliner Theaterabende in dieser Saison deutsche Familienbilder zeichnen). Die Gräber sind offen, die Ahnen untot. Ihr Denken, Fühlen und Handeln hat die Nachgeborenen tief geprägt.
Es sind zwei Theaterabende im...
Stalin sitzt breitbeinig im Dampfbad. Unter seinem Handtuch wuchert ein Penismonster hervor, träge wie eine Würgeschlange. Ein groteskes Attribut der Tyrannenmacht. Holger Kunkel trägt das Geni-Teil angemessen selbstgefällig zur Schau, er verkörpert hier im Freiburger Großen Haus ja auch den obszönsten Grobian, unter dem die Sowjetunion im 20. Jahrhundert...
Neben der Antikenaufarbeitung «Anthropolis», neben der Klassikerpflege und neben postdramatischen Zugriffen verfolgt das Deutsche Schauspielhaus einen dritten, weit weniger beachteten künstlerischen Strang: Immer wieder kommen hier well-made Plays auf die Bühne, die dem Ensemble Gelegenheit geben, darstellerisch aufzudrehen und die konsequent auf tagespolitische...
