Der terroristische Zuschauer
Theaterkritik gone mad: Mitten in der Vorstellung steht ein eher junger Mann auf und beginnt, sich erst zu beschweren, dann mit den drei Darsteller:innen auf der Bühne zu diskutieren. Über das damit natürlich unterbrochene Stück, das ihn nicht hinreichend unterhält. Darüber, dass der Weg für ihn weit war, dass er sich den Abend extra frei nehmen musste, er sei nämlich Nachtwächter auf einem Parkplatz. Er will den Chef sprechen, der das alles verantworte.
Wie, der ist gar nicht vor Ort? In einem guten Restaurant wäre das ja wohl ein Unding! Aus dem Rest des Publikums, die Reihen sind recht schütter besetzt, erklingt langsam Murren. Bevor der Streit vollständig eskaliert, verlässt der Mann, der sich als Yannick vorgestellt hat, den Raum. Er bekommt jedoch mit, dass die Darsteller:innen auf der Bühne nach seinem Abgang nicht weiterspielen, sondern klassistische Witze auf seine Kosten reißen – und plötzlich Gelächter ernten. Er kehrt zurück, in der Hand nun einen Revolver.
Das nicht sehr große Theater, plüschig im klassischen Stil, liegt in Paris, das Stück, das gespielt wird (was man hört, hat der Regisseur und Autor des Films Quentin Dupieux höchstpersönlich verfasst), heißt «Le ...
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Theater heute Juni 2024
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Ekkehard Knörer
Fabian Wendlings Bühnenbild ist der Star des Abends: klaustrophobisch, steril, ohne Fenster und Türen. Die Bühne im Stuttgarter Schauspielhaus ist bis über die Decke ausgekleidet mit Regalen, die gefüllt sind mit einheitlich braunen und unbeschrifteten Pappdeckel-Ordnern – fein säuberlich in quadratischem Schachtelmuster arrangiert.
Es erinnert darin sowohl an...
Stalin sitzt breitbeinig im Dampfbad. Unter seinem Handtuch wuchert ein Penismonster hervor, träge wie eine Würgeschlange. Ein groteskes Attribut der Tyrannenmacht. Holger Kunkel trägt das Geni-Teil angemessen selbstgefällig zur Schau, er verkörpert hier im Freiburger Großen Haus ja auch den obszönsten Grobian, unter dem die Sowjetunion im 20. Jahrhundert...
Ein Sarg. Und ein Grab. Zwei Orte der Begegnung mit den Eltern, zwei Orte der Erforschung ihrer Lebensgeschichten in und für Deutschland (wie so viele Berliner Theaterabende in dieser Saison deutsche Familienbilder zeichnen). Die Gräber sind offen, die Ahnen untot. Ihr Denken, Fühlen und Handeln hat die Nachgeborenen tief geprägt.
Es sind zwei Theaterabende im...
