Vages Wolfsgeheul
Da sind Carol, Anna und Bonnie, Mutter, Tochter und Enkelin. Da sind Pflaumenbäume, aufgeschnittene Pulsadern und Fische am Grund eines Teichs. Und da ist eine gemeinsame psychische Disposition, eine Depression. In «Anatomy of a Suicide» geht es um nichts weniger als die Angst vorm Leben und die Sehnsucht nach dem Selbstmord: Carol bringt sich um, kaum ist ihre Tochter aus dem Gröbsten raus, Anna – nach einer Drogenkarriere – ebenfalls, nur Bonnie durchbricht diesen Kreislauf und lässt sich sterilisieren.
Der Stücktext von Alice Birch ist dramaturgisch komplex.
Er ist eine Parallelmontage dreier Geschichten, mit textlichen und szenischen Überschneidungen und wiederkehrenden Stichworten. Es ist ein Stück, das so sehr nach szenischer Präzision zu schreien scheint, wie die drei Frauen nach Erlösung. So zumindest inszenierte, choreografierte Katie Mitchell im Oktober 2019 die deutschsprachige Erstaufführung am Hamburger Schauspielhaus. Eine Inszenierung, die sich durch ihre enervierende Exaktheit fast gewaltsam eingeprägt hat.
Die Regisseurin Lilja Rupprecht nimmt den entgegengesetzten Weg und inszeniert den Text am Staatstheater Hannover flirrend assoziativ. Nur anfangs stehen alle ...
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Theater heute Februar 2022
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Katrin Ullmann
Stirbt ein Mensch, geht das Leben weiter. Stirbt die Menschheit, stirbt die Zeit. Das ist die tröstlich-traurige Bilanz eines Doppelprojekts der Regisseurin Laura Linnenbaum im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses. Max Porters lyrisch-fantastische Erzählung «Trauer ist ein Ding mit Federn» und Marlen Haushofers Roman «Die Wand» auf der Bühne: erst ein...
Sein größter Erfolg war «Totenfloß». Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl und einer Chemiekatastrophe bei Sandoz in Basel wurde es das Stück des Jahres 1986, bald von über zwei Dutzend Theatern gespielt. Vier körperlich und seelisch verkrüppelte Überlebende einer verstrahlten Landschaft, von der nur wenige bewohnbare Areale übrig geblieben sind, treiben auf...
Juhu! Zwei Jahre lang kann sie, Franziska, das Leben eines Mannes führen. Das war ihr größter Wunsch, denn als Frau würde sie vor Langeweile verrückt. Danach, das ist der Deal, wird sie zur Leibeigenen, zur Sklavin jenes Zauberers und «Sternenlenkers». Nicht Mephisto, sondern Veit Kunz heißt dieser bei Frank Wedekind. Auf der Bühne des Bremer Theaters verwandelt...
