Vages Wolfsgeheul
Da sind Carol, Anna und Bonnie, Mutter, Tochter und Enkelin. Da sind Pflaumenbäume, aufgeschnittene Pulsadern und Fische am Grund eines Teichs. Und da ist eine gemeinsame psychische Disposition, eine Depression. In «Anatomy of a Suicide» geht es um nichts weniger als die Angst vorm Leben und die Sehnsucht nach dem Selbstmord: Carol bringt sich um, kaum ist ihre Tochter aus dem Gröbsten raus, Anna – nach einer Drogenkarriere – ebenfalls, nur Bonnie durchbricht diesen Kreislauf und lässt sich sterilisieren.
Der Stücktext von Alice Birch ist dramaturgisch komplex.
Er ist eine Parallelmontage dreier Geschichten, mit textlichen und szenischen Überschneidungen und wiederkehrenden Stichworten. Es ist ein Stück, das so sehr nach szenischer Präzision zu schreien scheint, wie die drei Frauen nach Erlösung. So zumindest inszenierte, choreografierte Katie Mitchell im Oktober 2019 die deutschsprachige Erstaufführung am Hamburger Schauspielhaus. Eine Inszenierung, die sich durch ihre enervierende Exaktheit fast gewaltsam eingeprägt hat.
Die Regisseurin Lilja Rupprecht nimmt den entgegengesetzten Weg und inszeniert den Text am Staatstheater Hannover flirrend assoziativ. Nur anfangs stehen alle ...
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Theater heute Februar 2022
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Katrin Ullmann
Selten war dokumentarisches Arbeiten am Theater so wichtig und richtig am Platz wie im Fall von «Urteile» von Christine Umpfenbach und Azar Mortazavi. Bereits 2014, ein Jahr nach Beginn des NSU-Prozesses im Marstall des Münchner Residenztheaters uraufgeführt, hatte im Herbst 2021 am gleichen Ort die um Reaktionen auf die Urteilsverkündung erweiterte Fassung unter...
Wie wäre es, wenn wir, nach jahrzehntelanger Abstinenz, einfach wieder ins Plattengeschäft gehen? Auf den ersten Blick alles wie gewohnt – und doch ganz anders? Schon beim Betreten hinterlegen wir unsere persönlichen Daten, inklusive Bankverbindung, und lassen die Kamera registrieren, die wir immer bei uns tragen. Beim Durchwühlen der Regale protokolliert die...
Auch hier werden am Ende die Namen der Opfer des NSU- und nachfolgenden rechten Terrors aufgelistet über die Leinwand flimmern. Ähnlich war diese schändliche Dokumentation schon zu lesen, als das Nürnberger Staatstheater im legendären Saal 600 des Justizgebäudes, also am Original-Schauplatz der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, die Verfahren von 1945 als...
