Vages Wolfsgeheul
Da sind Carol, Anna und Bonnie, Mutter, Tochter und Enkelin. Da sind Pflaumenbäume, aufgeschnittene Pulsadern und Fische am Grund eines Teichs. Und da ist eine gemeinsame psychische Disposition, eine Depression. In «Anatomy of a Suicide» geht es um nichts weniger als die Angst vorm Leben und die Sehnsucht nach dem Selbstmord: Carol bringt sich um, kaum ist ihre Tochter aus dem Gröbsten raus, Anna – nach einer Drogenkarriere – ebenfalls, nur Bonnie durchbricht diesen Kreislauf und lässt sich sterilisieren.
Der Stücktext von Alice Birch ist dramaturgisch komplex.
Er ist eine Parallelmontage dreier Geschichten, mit textlichen und szenischen Überschneidungen und wiederkehrenden Stichworten. Es ist ein Stück, das so sehr nach szenischer Präzision zu schreien scheint, wie die drei Frauen nach Erlösung. So zumindest inszenierte, choreografierte Katie Mitchell im Oktober 2019 die deutschsprachige Erstaufführung am Hamburger Schauspielhaus. Eine Inszenierung, die sich durch ihre enervierende Exaktheit fast gewaltsam eingeprägt hat.
Die Regisseurin Lilja Rupprecht nimmt den entgegengesetzten Weg und inszeniert den Text am Staatstheater Hannover flirrend assoziativ. Nur anfangs stehen alle ...
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Theater heute Februar 2022
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Katrin Ullmann
In Karlsruhe geht die Bombe gleich am Anfang hoch. Der «gute Gott» überreicht Jennifer ein Paket. Dann knallt’s. In Ingeborg Bachmanns Hörspiel «Der gute Gott von Manhattan» von 1957 steht die Szene am Ende. Es ist aber noch weiteres anders in der Karlsruher Bühnenfassung, die Anaïs Durand-Mauptit inszeniert hat – als Bachelorarbeit im Fach Regie, das sie an der...
Kaum zu glauben, dass es sich hier um den Theatersaal des Grillo Theaters handelt. Umzingelt von kinogroßen Leinwänden, verteilt auf Drehstühlen sitzt das Publikum im leeren Raum. Mitten im Geschehen. Mal sind die Schauspieler:innen zum Greifen nahe, dann erscheinen sie nur im Film. Bereits beim Einlass bekommt man über die vielen Leinwände simultane Einblicke in...
Martin Kušej beweist am Burgtheater ein gutes Händchen für vergessene Autorinnen. Nach «Der Henker» von Maria Lazar und «Automatenbuffet» von Anna Gmeyner (2021 zum Theatertreffen eingeladen) hat sich nun Bastian Kraft einer steirischen Schriftstellerin genähert, deren Werk als unbezwingbare Festung gilt. Marianne Fritz (1948–2007) ist eine mythenumwobene...
